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            <titleStmt>
                <title type="main">Schreiben von <persName ref="http://d-nb.info/gnd/118851772">Salomo A. Birnbaum</persName> an <persName ref="http://d-nb.info/gnd/1031779337">Peter Freimark</persName>, <placeName ref="geo:43.732256,-79.493385">Downsview</placeName> (<placeName ref="http://vocab.getty.edu/tgn/7013154">Ontario</placeName>), <date when="1983-12-07">12.7.1983</date></title>
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            <publisher><orgName>Institut für die Geschichte der deutschen Juden</orgName><email>redaktion@juedische-geschichte-online.net</email><address><addrLine>Beim Schlump 83, 20144 Hamburg</addrLine></address></publisher><availability><licence target="#personal-use"><p>Mit freundlicher Genehmigung des Nathan und Solomon Birnbaum Archivs in Toronto.</p></licence></availability><idno><idno type="DTAID">jgo:source-189</idno></idno></publicationStmt>
            
        <seriesStmt><title type="main">Salomo Birnbaum</title><idno type="DTAID">jgo:article-206</idno></seriesStmt><sourceDesc><bibl><author>Salomo A. Birnbaum</author><placeName ref="http://vocab.getty.edu/tgn/7013284" corresp="#43.732256,-79.493385">Toronto</placeName><date when="1983-07-12">12.07.1983</date><orgName>Nathan and Solomon Birnbaum Archives</orgName></bibl></sourceDesc></fileDesc>
    <profileDesc><langUsage><language ident="deu">German</language></langUsage><textClass><classCode scheme="http://juedische-geschichte-online.net/doku/#genre">Quelle:Text</classCode></textClass></profileDesc></teiHeader>
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                        M3H 1Z8<lb/>
                        <date when="1983-12-07">12.7.83</date>.</hi>
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                <salute>Sehr geehrter Herr Kollege <persName ref="http://d-nb.info/gnd/1031779337">Freimark</persName>,</salute>
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                <p>Es tut mir leid, dass ich erst heute antworten kann. Ich hatte<lb/>eben meine
                    Antwort angefangen, als ich erkrankte. Uebrigens<lb/>ist es nur wenig, das ich
                    berichten kann. </p>
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                <p>Als ich <date when="1921">1921</date> nach <placeName ref="http://vocab.getty.edu/tgn/7005289">Hamburg</placeName> kam, wusste ich
                    nicht, dass es an<lb/>der <orgName ref="http://d-nb.info/gnd/35534-3">Universitaet</orgName> einen Germanisten gab, der sich fuer
                    das<lb/>Jiddische interessierte und sogar mit seinen Studenten <hi rendition="#s">j</hi><lb/>jiddische Texte gelesen hatte. Allerdings handelte
                    es sich<lb/>bloss um das Buechlein <bibl corresp="Strack_1917"><hi rendition="#u">Juedischdeutsche Texte, ein Lesebuch<lb/>zur Einfuehrung
                            in Denken Leben und Sprache der osteuropae-<lb/>ischen Juden</hi></bibl>
                        (<placeName ref="http://vocab.getty.edu/tgn/7012329">Leipzig</placeName>
                    <date when="1917">1917</date>) <add place="right">von <persName ref="http://d-nb.info/gnd/119402734">H.L. Strack</persName></add><note type="editorial" place="foot"><persName ref="http://d-nb.info/gnd/119402734">Hermann L. Strack</persName>
                        gemeint</note> in dem Jiddisch in recht unzu-<lb/>laenglicher Umschrift
                    dargeboten wurde. Von diesen Dingen<lb/>erfuhr ich, als <add place="superlinear">ich</add>
                    <add place="right"><persName ref="http://d-nb.info/gnd/118661760">Prof. Dr.
                            Conrad Borchling</persName></add>
                    <del rendition="#s">wir einander</del> traf<del rendition="#s">en</del>. Der
                    zweite Brief, den ich<lb/>von ihm erhielt, brachte mir eine U<hi rendition="#sup">e</hi>berraschung. Er teilte mir<lb/>naemlich mit, dass er
                    bei der <orgName ref="http://d-nb.info/gnd/365237-3">Hochschulbehoerde</orgName>
                    beantragt<lb/>hatte, ich solle an der <orgName ref="http://d-nb.info/gnd/35534-3">Universitaet</orgName> jiddische
                    “Uebungen”<lb/>abhalten, und dass sein Antrag angenommen worden sei. Das<lb/>war
                    im <date when="1922-07">Juli 1922</date> und war <choice>
                        <abbr>m.W.</abbr>
                        <expan>meines Wissens</expan>
                    </choice> das erste Mal, dass die jiddi-<lb/>sche Sprache im Rahmen einer
                    modernen deutschen Universitaet<lb/>ein Lehrgegenstand wurde. </p>
                <lb/>
                <p>Ich koennte nicht behaupten, dass die Ankuendigung grosses<lb/>Interesse
                    hervorrief. Ich konnte es auch nicht erwarten. Bei<lb/>der Einstellung der
                    meisten deutschen Juden gegenueber dem<lb/>Jiddischen war ein Mangel an
                    Interesse selbstverstaendlich:<lb/>Sie wussten so gut wie nichts ueber sie, aber
                    missachteten<lb/>und verabscheuten sie, betitelten sie mit dem
                    herabsetzenden<lb/>Namen “Jargon”. Man darf wohl annehmen, dass hier
                    Resentiment<lb/>im Spiele war – man wusste ja, dass man selbst aus dem
                    “Ghetto”<lb/>stammte und dass man dort in mittelalterlicher Finsternis<lb/>lebte
                    und <del rendition="#s">Jiddis</del> “Jargon” sprach. Ein objektiver Grund fuer<lb/>
                    <pb facs="2" n="2"/> das geringe Interesse ist die Statistik. Akademisches
                    Interesse<lb/> kann nur bei einem sehr <del rendition="#s">kleinen sehr</del>
                    kleinen Hundertsatz der<lb/> Bevoelkerung|existieren, und die Zahl der Juden
                        in|<placeName ref="http://vocab.getty.edu/tgn/7005289">Hamburg</placeName>
                    war nicht<lb/> gross. Was die Nichtjuden betraf, so handelte es sich bei
                    ihnen<lb/> um voellige Unwissenheit <del rendition="#s">b</del> in Bezug auf das
                    Jiddische. Demge-<lb/> maess hatte ich fast nur juedische Hoerer. </p>
                <lb/>
                <p>Die Beweggruende ihres Interesses waren verschiedener Art.<lb/> Bei manchen war
                    es nationales Gefuehl fuer das Jiddische als<lb/> juedisches Kulturgu<add place="intralinear">t</add>, obwohl sie selbst keine Verbindung mit<lb/> ihm
                    hatten; fuer <ref target="#Zionismus" type="editorialNote">Zionisten</ref> bot
                    es wohl ein gewisses folklori-<lb/> stisches Interesse; bei andern, namentlich
                    Nichtjuden, waren<lb/> literarische, linguistische und theologische
                    Gesichtspunkte<lb/> ausschlaggebend, wie bei zwei nichtjuedischen Gelehrten.
                        <persName ref="http://d-nb.info/gnd/118733397">Prof.<lb/> Dr. Heinrich
                        Meyer-Benfey</persName> war ein
                        <roleName>Literaturwissenschaftler</roleName>,<lb/>
                    <del rendition="#s">Pastor</del>
                    <persName ref="http://d-nb.info/gnd/12903892X">D.Walter Windfuhr</persName> war
                    ein <roleName>Pastor</roleName>.</p>
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                <p>Der erstere verdient besondere Erwaehnung. Er war ein sehr<lb/> gruendlicher und
                    vielseitiger <del rendition="#s">Literaturwi</del>
                    <roleName>Gelehrter</roleName>, der in<lb/> einer betraechtlichen Anzahl von
                    Sprachen und Literaturen<lb/> zuhause war. Sein Gebiet erstreckte sich ueber
                    Germanistik,<lb/> Anglistik, Klassische Philologie, Indologie,
                    Kulturgeschichte<lb/> to Kulturkritik. Unsere Bekanntschaft entwickelte sich
                    zu<lb/> warmer Freundschaft.</p>
                <lb/>
                <p>Hier einige Titel meiner Vorlesungen: Die jiddische Sprache, Einfueh<lb/> rung;
                    Historische Lautlehre des Jiddischen; Lektuere jiddischer<lb/> Volkslieder;
                    Lektuere der jiddischen Erzaehlung <hi rendition="#u"><foreign xml:lang="YI">Fiške der Krїmer</foreign></hi><lb/>
                    <persName ref="http://d-nb.info/gnd/119010054">Mendali Moicher
                    Sfurim</persName>; Jiddische Lyrik; Vergleichende Lektuere<lb/> alt- und
                    neujiddischer Bibeluebersetzungen; Jiddische Texte;<lb/> Die Erzaehlungen
                        <persName ref="http://d-nb.info/gnd/119278227"><roleName>Rabbi</roleName>
                        Nachmans</persName>; <ref target="jgo:source-165">Die Erinnerungen <persName ref="nognd">Glikl Hamels</persName></ref>;<lb/> Einfuehrung in die <del rendition="#s">ju</del> jiddische Philologie/Sprachwissenschaft;<lb/>
                    <persName ref="http://d-nb.info/gnd/118795392">Schulim-Alejchem</persName>:
                    Sprinzi; Lektuere und Interpretation eines<lb/> aelteren jiddischen Textes;
                    Vergleichende Lautlehre der jid-<lb/> dischen Sprache<del rendition="#s">e</del>; Geschichte der jiddischen Sprache; Die<lb/> jiddische Literatur. </p>
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                <p>Die jiddische Dozentur erlosch im Sommersemester <date when="1933">1933</date>.
                    Wann<lb/> ihr die <orgName ref="http://d-nb.info/gnd/35534-3">Universitaet</orgName> ein Ende bereiten wuerde, darueber machte<lb/> ich
                    mir damals keine Gedanken. Mir war sofort klar, was die<lb/>
                    <date corresp="http://d-nb.info/gnd/4074421-8">Machtergreifung <persName ref="http://d-nb.info/gnd/118551655">Hitlers</persName></date>
                    bedeutete: In <placeName ref="http://vocab.getty.edu/tgn/7000084">Deutschland</placeName> war kein<lb/> Platz mehr fuer Juden. Leuten, die
                    diese Ereignisse fuer eine<lb/>
                    <hi rendition="#s">voruebe</hi> in naher Zukunft endende Periode hielten, entgegnete<lb/> ich: “Es wird
                    mindestens zehn Jahre dauern.” Ich fuhr sehr <del rendition="#s">l</del><lb/>
                    bald nach <placeName ref="http://vocab.getty.edu/tgn/7003712">Berlin</placeName>
                    zu einer Familienberatung mit meinem Vater<lb/> und meinem Bruder <persName ref="http://d-nb.info/gnd/121509001">Menachem</persName>. Wir beschlossen,
                        <placeName ref="http://vocab.getty.edu/tgn/7000084">Deutschland</placeName>
                    so<lb/> bald als moeglich zu verlassen. Sie taten es nach kurzer Frist,<lb/> ich
                    ging nach <ref target="#Pessach" type="editorialNote">Pessach</ref>.</p>
                <lb/>
                <p>In <placeName ref="http://vocab.getty.edu/tgn/7016845">Holland</placeName>
                    erreichte mich ein an meine <placeName ref="http://vocab.getty.edu/tgn/7005289">Hamburger</placeName> Adresse ge-<lb/> richteter Brief der <orgName ref="http://d-nb.info/gnd/35534-3">Universitaet</orgName> vom <date when="1933-05-12">12. Mai</date>: der <roleName>Dekan</roleName> der<lb/>
                    <orgName ref="http://d-nb.info/gnd/5028264-5">philosophischen
                        Fakultaet</orgName> wolle mich sehen, um „eine|kurze An-<lb/> frage“ an mich
                    zu richten. Ich antwortete am <date when="1933-05-29">29. Mai</date> mit
                    der<lb/> Bitte, mir die Anfrage brieflich zu uebermitteln. Das<lb/> geschah
                    nicht, aber im <date when="1933-06">Juni</date> erreichte mich, ueber meine<lb/>
                    alte Adresse, ein von <date when="1933-05-18">18. Mai</date> datiertes Schreiben
                    des <roleName>Dekans</roleName>:<lb/> ich waere abgereist and haette „offenbar
                    darauf verzichtet …<lb/> den Lehrauftrag auszuueben.“ Ich kann nur raten, was
                    der In-<lb/> halt der „kurzen Anfrage“ gewesen <del rendition="#s">war</del>
                    waere. Vielleicht sollte<lb/> mir nahe gelegt werden, zurueckzutreten. </p>
                <lb/>
                <p>Soweit mein Bericht. Vielleicht darf ich hoffen, dass er<lb/> Ihnen in etwas
                    nuetzen wird, vielleicht in seiner Gaenze als<lb/> ERINNERUNG abgedruckt.</p>
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                <p>Ob ich <persName ref="http://d-nb.info/gnd/12903892X">Windfuhr</persName> gekannt
                    habe?<lb/> Nur zu gut.<lb/>
                    <date when="1924">1924</date> kam er zu meinen Vorlesungen, nachdem er sich mit
                    einem<lb/> (unidiomatischen) hebraeischen Brief eingefuehrt hatte. Ich<lb/> kann
                    mich nicht entsinnen, wie lange er teilnahm.<lb/>
                    <date when="1929">1929</date> bat er mich (in einem deutschen Brief) ihm bei
                    seiner<lb/> beginnenden Beschäftigung mit der modernen hebraeischen Litera-<lb/>
                    tur behilflich zu sein. Ich erfuellte seinen Wunsch, aber aus</p>
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                <p>dieser Episode ist mir nur seine Verwunderung ueber die <ref target="#Aschkenas" type="editorialNote">aschkenasi-<lb/> sische</ref> Drucksilbe in <persName ref="nognd">Bialiks</persName> Metrik <hi rendition="#s">
                        er
                    </hi> im Gedächtnis verblieben.</p>
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                <p>Fuer meine Bemuehung dankte <add place="superlinear">er</add> mir damit, dass er
                    als Referent<lb/> meine Habilitationsschrift unguenstig beurteilte (obwohl
                    er<lb/> natürlich von hebraeischer Palaeographie nichts wusste)<lb/> und sich
                    fuer das hebraeische und juedische Gebiet habilitierte.<lb/>
                    <lb/> So weit meine <foreign xml:lang="he">Ma’asse</foreign>
                    <persName ref="http://d-nb.info/gnd/12903892X">Windfuhr</persName>.</p>
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