Zwischen Hamburg und Jerusalem.
Archivarische Streifzüge
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Zwischen Hamburg und Jerusalem. Archivarische Streifzüge

Diese Online-Ausstellung spürt den materiellen Spuren deutsch-jüdischer Geschichte in verschiedenen Nachlässen und Sammlungen der Israelischen Nationalbibliothek (NLI) in Jerusalem nach. Dort lagern mehr als 200 einschlägige Bestände im Umfang von mehr als 2 Millionen Seiten mit Bezug zur deutsch-jüdischen Geschichte. Um diesen mit einer überschaubaren Fragestellung zu begegnen, legt die Ausstellung einen Fokus auf Hamburg.

Dennoch wohnt angesichts der Fülle an Material der Auswahl der Quellen ein gewisser Zufallsmoment inne, denn Zufälle sind in den komplexen Überlieferungs-, Archivierungs-, Recherche- und Forschungsprozessen unvermeidbar. Zugleich ist unser Blick auf die Vergangenheit durch diejenigen (zufälligen) Archivfunde geprägt, die veröffentlicht und historiografisch verarbeitet werden. In diesem Spannungsfeld bewegt sich diese Ausstellung, in dem sie einerseits versucht, das Zufallsmoment transparent zu machen und andererseits Beziehungen und Netzwerke zwischen Hamburg und Jerusalem mittels einzelner materieller Zeugnisse schlaglichtartig zu beleuchten. Besuchende haben die Wahl, entweder in gewohnter Weise der Kapitelstruktur und den vorgeschlagenen Narrativen zu folgen oder ihren ganz eigenen Streifzug durch die verschiedenen Ausstellungsstationen von einem zufällig gewählten Einstiegspunkt aus zu beginnen.

Die einzelnen Kapitel versuchen, einerseits Migrationsbewegungen von Menschen und Archiven nachzuzeichnen und andererseits Netzwerke zwischen deutsch(sprachig)-jüdischen Intellektuellen über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten zu dokumentieren. Insbesondere bei den Briefwechseln fällt auf, dass sich einzelne Personen zu zentralen Ansprech- und Korrespondenzpartnern entwickelten, so etwa Martin Buber und Gershom Scholem in Jerusalem oder Erich Lüth in Hamburg. Weiterlesen...

Namen wie Heinrich Heine und Martin Buber wurden in den öffentlichen Diskursen der Bundesrepublik zu Projektionsflächen und Indikatoren für eine Wiederannäherung an die deutsch-jüdische Vergangenheit bzw. die Möglichkeit einer deutsch-jüdischen Gegenwart. Dass die Kontakte nicht erst nach 1945 einsetzten, sondern in einer Tradition des wissenschaftlichen Austausches standen, zeigen vor allem die vielen schriftlichen Zeugnisse von Max Grunwald, die sich in ganz unterschiedlichen Sammlungen befinden und damit Einblicke in transnationale Wissenschaftsnetzwerke zu Beginn des 20. Jahrhunderts geben. Andere Beispiele, wie etwa die des Schriftstellers M. Y. Ben-Gavriêl oder des Religionsphilosophen Ernst Simon zeugen davon, wie und unter welchen Bedingungen vor 1933 bestehende Verbindungen nach 1945 wieder aufgenommen wurden.

Deutlich wird an den angeführten Beispielen aber auch, was die Schlaglichter nicht zu beleuchten vermögen: Dazu gehört etwa das Wirken von weiblichen Intellektuellen, die in den Nachlässen zwar vielfältig eingeschrieben sind, aber viel seltener eigene Zeugnisse oder gar eigene Bestände hinterlassen haben. Mit der Fokussierung auf die Israelische Nationalbibliothek geraten zudem andere geografische Regionen aus dem Blick und bestimmte Positionen sind ggf. überrepräsentiert. Der spezifische Blick auf Beziehungen zwischen Hamburg und Jerusalem lässt diejenigen (eher) unberücksichtigt, die eine Beziehung zu Deutschland nach dem Holocaust ablehnten. Nicht zuletzt repräsentieren die Nachlässe und Sammlungen das Leben und Wirken einiger weniger prominenter Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die oftmals selbst aktiv an den wissenschaftsgeschichtlichen Einschreibungsprozessen und Aushandlungen der Bewahrung deutsch-jüdischen Erbes beteiligt waren.

Die Online-Ausstellung ist eine Kooperation mit dem Exzellenzcluster „Understanding Written Artefacts“ der Universität Hamburg und Teil des Forschungsprojekts „A Fresh Look. Visualising Digitised German-Jewish Archives“. Die meisten gezeigten Objekte stammen aus der Digitalisierung von 24 deutsch-jüdischen Nachlässen und Sammlungen im Umfang von ca. 750.000 Einzelseiten, die zwischen 2021 und 2022 von der NLI gemeinsam mit dem Centre for the Study of Manuscript Cultures der Universität Hamburg durchgeführt wurde.

Zufall im Archiv

Angesichts der Menge an Material allein in dem zugrundeliegenden Digitalisierungsprojekt wohnt der hier getroffenen Auswahl – wie jeder anderen denkbaren Auswahl – ein unhintergehbarer Grad an Zufälligkeit inne. Das hat einerseits mit den Kuratierenden und ihren Forschungsinteressen zu tun. Andererseits ist Zufall ein elementarer, wenn auch häufig verdrängter Faktor in der Arbeit mit Archivmaterial. Die Idealvorstellung eines Archivs assoziiert Struktur, Bewahrung und Dauer. Doch was wir in Archiven finden können, hängt trotz aller Bemühungen um Ordnung und Vollständigkeit von zahlreichen Parametern ab: Was wurde überhaupt überliefert, von wem und nach welchen Prinzipien wurde es erfasst und angeordnet, in welcher Sprache liegt es vor, wie ist die Zugänglichkeit und nicht zuletzt wie, wonach, und von wem wird gesucht? Die Herausforderung besteht darin, Zufälle nicht nur als notwendiges Übel zu akzeptieren, sondern als Gelegenheit für unerwartete Funde, überraschende Einsichten und zuvor unsichtbare Zusammenhänge in den Erkenntnisprozess zu integrieren und sie in Forschungs- oder Ausstellungsprojekten transparent zu machen.

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Beziehungsgeschichten: Wege von und nach Jerusalem

Die Beziehungen und Netzwerke zwischen Hamburg und Jerusalem, die sich anhand des Archivmaterials nachvollziehen lassen, sind vielfältig. Schlaglichtartig gibt dieses Kapitel Einblicke in unterschiedliche Konstellationen und versucht dabei, die besonderen Umstände, unter denen die Beziehungen nach 1933 an oftmals neuen Orten und mit neuen Funktionen fortbestanden oder erst aufgebaut wurden, herauszuarbeiten. Der Brief von Richard Dehmel an Gustav Landauer steht etwa beispielhaft für die Frage nach der materiellen und geografischen Überlieferung des deutsch-jüdischen Erbes und verweist einmal mehr darauf, dass Quellen zur jüdischen Geschichte Hamburgs eben nicht zwangsläufig in Hamburg überliefert sind. Während hier Flucht und Vertreibung nur der erklärende Kontext sind, macht der Brief von Dora Hirsch an Else Escha Bergmann diese explizit. Informationen über das Schicksal der Angehörigen waren nach Kriegsende eine grundlegende (Vor-)Bedingung für die Beziehungen zur ehemaligen Heimat. In Hamburg wurde Erich Lüth zu einem zentralen Ansprechpartner für diejenigen, denen eine Flucht gelungen war und die nun aus unterschiedlichen Gründen an frühere Netzwerke anknüpfen oder Informationen über die Lage in der Hansestadt erlangen wollten. Lüth selbst begann früh nach Israel zu reisen. Dass die Gründung des Staates Israel auch die Vorzeichen der Diskussionen um die deutsch-jüdische Geschichte veränderte, zeigten die Debatten um die Frage, wer ein Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg leiten sollte. Die Rückkehr von Heinz Moshe Graupe aus Israel nach Deutschland beantwortete diese Frage vorerst, seine Korrespondenz mit Hugo Bergmann in Jerusalem lässt jedoch erkennen, wie kompliziert und auch isoliert seine Position war.

Überlieferungswege

Dieser Brief, den Richard Dehmel im Frühjahr 1907 aus Blankenese bei Hamburg an Gustav Landauer in Hermsdorf bei Berlin schickte, gewährt Einblicke in eine intensive und intellektuell anregende Korrespondenz unter Schriftstellerkollegen. Der Tonfall ist vertraut und scharfzüngig, die Themen sind vielfältig und berühren literarische ebenso wie politische Fragen. Der Brief ist Teil eines weitverzweigten Korrespondenznetzwerkes rund um Richard und Ida Dehmel, dessen örtlicher Mittelpunkt erst die gemeinsame Wohnung in der Parkstraße 22 und später das sogenannte Dehmel-Haus war. Die meisten Briefe befinden sich im Dehmel-Archiv in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg. Dass sich der gezeigte Brief im Gustav Landauer Archiv in Jerusalem befindet, ist das Ergebnis einer jahrzehntelangen Migrationsgeschichte: Nach der Ermordung Gustav Landauers in München 1919 wurde der Philosoph Martin Buber, der in Heppenheim wohnte, zu seinem Nachlassverwalter. Bevor Buber Deutschland 1938 aufgrund der NS-Verfolgung verließ, teilte er den Nachlass in drei Teile. Einen Teil nahm er selbst mit nach Palästina, einen Teil überließ er seinem Verleger Lambert Schneider in Heidelberg zur Verwahrung und einen dritten Teil, zu dem auch der hier gezeigte Brief von Richard Dehmel gehörte, ließ er mithilfe von Landauers Schwiegersohn Max Kronstein über die Schweiz in die USA bringen. Von New York aus übergab Kronsteins Tochter (und Landauers Enkelin) Marianne Lütke die Landauer-Papiere 1970 an die Israelische Nationalbibliothek, wo sie, wiedervereint mit den anderen beiden Teilen, heute das Gustav Landauer Archiv bilden. Der Brief steht also stellvertretend nicht nur für die Zerstreuung und Lückenhaftigkeit von archivierten Korrespondenzen, sondern auch für die erzwungenen Migrationsbewegungen, denen Archivmaterial ganz unabhängig vom Schicksal seiner Urheberinnen und Urheber unterworfen sein kann.

Brief von Richard Dehmel an Gustav Landauer, Hamburg, 07.03.1907 (2 Seiten), NLI, Gustav Landauer Archiv, ARC. Ms. Var. 432 01 25.7.
[Bildergalerie & Transkript]
Brief von Richard Dehmel an Gustav Landauer, Hamburg, 07.03.1907 (2 Seiten), NLI, Gustav Landauer Archiv, ARC. Ms. Var. 432 01 25.7.

Brief von Richard Dehmel an Gustav Landauer, Hamburg, 07.03.1907 (2 Seiten), NLI, Gustav Landauer Archiv, ARC. Ms. Var. 432 01 25.7. Brief von Richard Dehmel an Gustav Landauer, Hamburg, 07.03.1907 (2 Seiten), NLI, Gustav Landauer Archiv, ARC. Ms. Var. 432 01 25.7.

Richard und Ida Dehmel in ihrem Wohnzimmer in der Parkstraße 22 (um 1905), SUB Hamburg, DA Varia 19 135.
Richard und Ida Dehmel in ihrem Wohnzimmer in der Parkstraße 22 (um 1905), SUB Hamburg, DA Varia 19 135.
Brief von Fritz Saxl an Gershom Scholem, Hamburg, 21.12.1927, NLI, Gershom Scholem Archiv, ARC. 4* 1599 01 2805.
[Transkript]
Brief von Gershom Sholem an Fritz Saxl, o.O., 01.01.1928, NLI, Gershom Scholem Archiv, ARC. 4* 1599 01 2805.
[Bildergalerie & Transkript]

Netzwerke

Wer Ende der 1920er-Jahre „aus Idealismus nach Palästina“ wollte, wie es in diesem Schreiben heißt, war in vielen Fällen auf Netzwerke und Unterstützung dies- und jenseits des Mittelmeers angewiesen. In diesem Sinne bittet der Kunsthistoriker und Leiter der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg (KWB) Fritz Saxl den an der Jerusalemer Universitätsbibliothek tätigen Gershom Scholem um Rat und Unterstützung für eine nicht namentlich genannte „befreundete Dame“. Der Wunsch, in ihrem Ausbildungsberuf als Buchbinderin zu arbeiten, wird von Saxl ebenso hervorgehoben wie ihre grundsätzliche Bereitschaft, sich beruflich neu zu orientieren. Auch weitere Empfehlungsschreiben der Warburg-Bibliothek sowie von Ernst Cassirer und Felix Warburg werden angeführt. Scholems ausführliche Antwort gibt Einblicke in die finanzielle Situation der Universitätsbibliothek und die generelle wirtschaftliche Lage in Palästina Anfang 1928. Aussicht auf Bezahlung gebe es – trotz dringendem Bedarf an buchbinderischer Kompetenz – zunächst nicht, auch von einer beruflichen „Umschichtung“ rät Scholem ab. Idealismus und eine finanzielle Reserve für ein bis zwei Jahre hält Scholem – so legt es der Brief nahe – für eine Grundvoraussetzung bei der Einwanderung. Der weitere Verlauf der Korrespondenz bis in den Sommer 1933 gibt keine Auskunft darüber, ob Saxls Vermittlungsbemühungen Erfolg hatten. Sie wurde aber intensiv fortgeführt, im Juli 1933 fragte Scholem etwa nach „Gleichschaltungsanforderungen“ an die Bibliothek und bedauerte, nicht über die Mittel zu verfügen, diese nach Jerusalem zu holen. Als Escha Scholem (geb. Burchardt, später Bergmann) im Februar 1930 ihre Heimatstadt Hamburg besuchte, schrieb sie an ihren Mann in Jerusalem auch über die überaus freundliche Aufnahme in der Warburg-Bibliothek (s. Zitat).

Quellen: Brief von Fritz Saxl an Gershom Scholem, Hamburg, 21.12.1927, NLI, Gershom Scholem Archiv, ARC. 4* 1599 01 2805; Brief von Gershom Sholem an Fritz Saxl, o.O., 01.01.1928, NLI, Gershom Scholem Archiv, ARC. 4* 1599 01 2805.
„Ich war bei Saxl, wurde im Triumph durch die Bibliothek geschleppt und von allen dort Anwesenden mit viel Elan und systematisch ausgequetscht. Über Palästina (Gegenwart und Zukunft) über Bibliothek (theoret. u. praktisch) und über Dich, was Du arbeitest und wie Du lebst.“

Escha Scholem an Gershom Scholem, 1930

Kontaktaufnahme

Porträt von Dora Hirsch für die Identitätskarte, 1946, Schweizerisches Bundesarchiv Bern, CH-BAR E4264#1985/196#50027*, Az. N31785, HIRSCH, DORA (DEBORA), 11.01.1870, 1945 – 1946. Porträt von Dora Hirsch

Mit dem Brief vom 19.04.1945, also noch knapp drei Wochen vor dem offiziellen Kriegsende, wandte sich Dora Hirsch an Else Bergmann, um ihr Auskunft über das Schicksal ihrer Mutter Martha Burchardt und ihres Onkels Felix Levy zu geben. Der Brief stellt eine Antwort auf eine entsprechende Nachfrage von Bergmann dar. Die Korrespondenz steht beispielhaft für erste Kontaktaufnahmen, um sich nach Verwandten, Freunden oder auch dem Verbleib von Vermögenswerten zu erkundigen. Oftmals hatten die Schreibenden zuvor Jahre der Ungewissheit durchlebt und erhielten erst nach Kriegsende Gewissheit über den Verbleib bzw. den Tod der Angehörigen. Dora Hirsch unterrichtete Bergmann darüber, dass Felix Levy und seine Frau Tante Amalie in Auschwitz ermordet worden waren. Bergmanns Mutter Martha Burchardt, die mit Hirsch gemeinsam aus dem Hamburger jüdischen Altenheim in der Sedanstraße nach Theresienstadt deportiert worden war, war dort etwa ein Jahr nach ihrer Ankunft umgekommen. Diese ersten Korrespondenzen bildeten in vielfacher Hinsicht die Grundvoraussetzung für das weitere Verhältnis zur ehemaligen Heimat, denn erst die Informationen über Familienangehörige und weitere nahestehende Personen verschafften Klarheit über die eigene Situation. Zu dieser musste in den Folgejahren ein Verhältnis entwickelt werden. Die Komplexität solcher Korrespondenzen zeigt sich an dem vorliegenden Brief eindrücklich durch die vielen Ergänzungen, die das Prozesshafte des Schreibens erkennen lassen. Zugleich verweist ein Kommentar auf die Militärzensur, die das Briefeschreiben beeinträchtigte. Dora Hirsch befand sich im April 1945 in einem schweizerischen Auffanglager, wohin sie mit einem zwischen Jean-Marie Musy und Heinrich Himmler ausgehandelten Transport von Theresienstadt in die Schweiz gelangt war. Von dort verfasste sie zahlreiche Briefe an Familienangehörige und Freunde.

Quellen: Porträt von Dora Hirsch für die Identitäts­karte, 1946, Schweizerisches Bundes­archiv Bern, CH-BAR E4264#1985/196#50027*, Az. N31785, HIRSCH, DORA (DEBORA), 11.01.1870, 1945 – 1946, online unter: www.recherche.bar.admin.ch; Brief von Dora Hirsch an Else (Escha) Bergmann, Lausanne, 19.04.1945 (2 Seiten), NLI, Escha Else Bergmann Archiv, ARC. 4* 1547 01 78.
„Meine Correspondenz wächst ins unermessliche und ich müsste von Rechtswegen, entweder einen Privatsekretär engagieren, z. mindestens eine Schreibmaschiene [sic] haben, um alles zu erledigen; da muss natürlich der eine oder andere warten.“

Dora Hirsch, 1945

Brief von Dora Hirsch an Else (Escha) Bergmann, Lausanne, 19.04.1945 (2 Seiten), NLI, Escha Else Bergmann Archiv, ARC. 4* 1547 01 78.
[Bildergalerie & Transkript]
Brief von Arie Goral an Erich Lüth, München, 17.01.1953, Archiv des Hamburger Instituts für Sozialforschung, Sammlung Arie Goral, GOR_160,13_Goral an Lüth_17011953, veröffentlicht in: Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte.
[Bildergalerie]
Brief von Erich Lüth an M. Y. Ben-Gavriêl, Hamburg, 27.03.1953, NLI, Moshe Ya’aqov Ben Gavriel Archiv, ARC. Ms. Var. 365 4 181.

Ansprechpartner: Erich Lüth

Porträtaufnahme von Erich Lüth auf einem Mininegativ-Streifen, IGdJ-Bildarchiv, 17.002-8. Porträtaufnahme von Erich Lüth auf einem Mininegativ-Streifen, IGdJ-Bildarchiv, 17.002-8.

Erich Lüth war Pressesprecher der Stadt Hamburg (1946–1953 und 1957–1964), er gründete die Aktion „Friede mit Israel“ und war Mitbegründer der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Bereits in den 1950er-Jahren reiste er nach Israel und nahm dort auch zu aus Deutschland geflohenen Jüdinnen und Juden Kontakt auf. Durch seine Position, sein publizistisches Wirken und sein gesellschaftliches Engagement wurde Lüth zu einer zentralen Figur in der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit. Lüth avancierte – wie zahlreiche Korrespondenzen belegen – zugleich zu einer Schlüsselfigur für im Exil lebende deutsche Kulturschaffende, die in ihm einen ersten Ansprechpartner auf Seiten des deutschen Staates bzw. der Hamburger Regierung sahen und ihn mit Bitten um Unterstützung, Kontaktherstellung oder Vermittlung anschrieben. So bat Arie Goral um Hilfe, seine Ausstellung zu „Kindermalereien in Israel“ in seiner Geburtsstadt Hamburg zeigen zu können. Der Brief an M. Y. Ben-Gavriêl von 1953 und der Eintrag in dessen Jerusalemer Gästebuch („Endlich im Hause Ben-Gavriel – in herzlicher Freundschaft“) sieben Jahre später zeugen von langjährigen Kontakten, die über den brieflichen Austausch von Informationen bis zu privaten Treffen reichten. Dass Lüth selbst sich in dieser Position des Vermittlers – trotz aller Widerstände, die seine Tätigkeit begleiteten – gefiel, zeigt das Zitat aus seiner Autobiografie.

Quellen: Brief von Arie Goral an Erich Lüth, München, 17.01.1953, Archiv des Hamburger Instituts für Sozialforschung, Sammlung Arie Goral, GOR_160,13_Goral an Lüth_17011953, veröffentlicht in: Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte. Quelle und Transkript; Brief von Erich Lüth an M. Y. Ben-Gavriêl, Hamburg, 27.03.1953, NLI, Moshe Ya’aqov Ben Gavriel Archiv, ARC. Ms. Var. 365 4 181.
„Kontakte zu israelischen Einwanderern fand ich auch unter den Schriftstellern deutscher Herkunft: Max Brod, Dichter und Kafka-Erbe, dem fahrlässig übergangenen Dramatiker Max Zweig, dem Satiriker und Romancier M. Y. Ben Gavriêl, denen ich eine Wiederbegegnung mit ihrem deutschen Publikum und neue Verbindungen zu deutschen Verlagen und zum Rundfunk zu vermitteln suchte, ganz zu schweigen von Martin Buber, den ich dazu überredete, den Goethepreis der Stiftung F.V.S. anzunehmen [...].“

Erich Lüth: Ein Hamburger schwimmt gegen den Strom, 1983

Eintrag von Erich Lüth im Gästebuch von M. Y. Ben-Gavriêl, Jerusalem, 10.10.1960, NLI, Moshe Ya’aqov Ben Gavriel Archive, ARC. Ms. Var. 365 1 11.
Eintrag von Erich Lüth im Gästebuch von M. Y. Ben-Gavriêl, Jerusalem, 10.10.1960, NLI, Moshe Ya’aqov Ben Gavriel Archive, ARC. Ms. Var. 365 1 11. Zu dem Eintrag im digitalisierten Gästebuch („Signatures of Friendship“ Universität Hamburg / HCDS / NLI): https://vikus.demo.hcds.uni-hamburg.de/.
Brief von Heinz Moshe Graupe an Shmuel Hugo Bergmann, Hamburg, 16.08.1966, NLI, Shmuel Hugo Bergmann Archiv, ARC. 4* 1502 01 991.
[Transkript]
Brief von Heinz Moshe Graupe an Shmuel Hugo Bergmann, Hamburg, 08.06.1970, NLI, ARC. 4* 1502 01 991.

Rückkehr und Neubeginn: Heinz Moshe Graupe

Porträt von Heinz Moshe Graupe, IGdJ-Archiv 13-093. Porträt von Heinz Moshe Graupe, IGdJ-Archiv 13-093.

Als es 1963 zu einer ersten Anschubfinanzierung für ein zu gründendes wissenschaftliches Institut für die Geschichte der deutschen Juden kam, führte die Frage nach der Leitung schnell zu Diskussionen: Wer sollte in Hamburg jüdische Geschichte erforschen und repräsentieren? Im Mai 1964 nahm der Historiker und Judaist Heinz Moshe Graupe, der sich auf die Stelle aus Israel beworben hatte, das Amt des Institutsdirektors an. Graupe war 1906 in Berlin geboren worden, er hatte in Freiburg, Hamburg und Berlin studiert, die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin besucht und war 1933 mit seiner Frau nach Palästina emigriert. Bereits bei seiner Bewerbung um die Stelle in Hamburg hatte Graupe deutlich gemacht, dass er sich als Israeli fühle und heimatlich in Haifa verwurzelt sei. Um die in dem Zitat anklingende „isolierte Position“ zu überwinden, pflegte Graupe transnationale wissenschaftliche Netzwerke und stand etwa in Kontakt mit Hugo Bergmann in Jerusalem, dem er 1966 die Ankunft seiner Mitarbeiterin Helga Krohn ankündigte. Während Graupe – wie auch auf der gezeigten Postkarte – meist auf Hebräisch schrieb, antwortete Bergmann mitunter auf Deutsch, „um die Schreibmaschine nicht wechseln zu müssen“. Die Frage der Sprache und somit des Publikums war auch für Graupes wissenschaftliche Tätigkeit wichtig und er bemühte sich, seine deutschen Forschungsarbeiten auch in hebräischer Übersetzung zu publizieren.

Quellen: Brief von Heinz Moshe Graupe an Shmuel Hugo Bergmann, Hamburg, 16.08.1966, NLI, Shmuel Hugo Bergmann Archiv, ARC. 4* 1502 01 991; Brief von Heinz Moshe Graupe an Shmuel Hugo Bergmann, Hamburg, 08.06.1970, NLI, Shmuel Hugo Bergmann Archiv, ARC. 4* 1502 01 991; Postkarte von Heinz Moshe Graupe an Shmuel Hugo Bergmann, 03.09.1974, NLI, Shmuel Hugo Bergmann Archiv, ARC. 4* 1502 01 991.
„Ich bin Ihnen für Ihren Hinweis sehr dankbar, wie überhaupt für jede kritische Anregung. Sie wissen ja, wie isoliert ich jahrzehntelang in Haifa gesessen habe. Und auch hier in Hamburg habe ich keine Diskussionspartner.“

Heinz Moshe Graupe an Shmuel Hugo Bergmann, 08.06.1970

Postkarte von Heinz Moshe Graupe an Shmuel Hugo Bergmann, 03.09.1974, NLI, Shmuel Hugo Bergmann Archiv, ARC. 4* 1502 01 991.
[Bildergalerie & Transkript]

Erinnerungskultur: Immer wieder Heine

Zum 100. Todestag von Heinrich Heine prägte der Philosoph Theodor W. Adorno 1956 die Rede von der „Wunde Heine“. Wer ernsthaft zum Gedenken an den jüdischen Dichter beitragen wolle, müsse von dem sprechen, „was an ihm schmerzt und seinem Verhältnis zur deutschen Tradition, und was zumal in Deutschland nach dem zweiten Krieg verdrängt ward. Sein Name ist ein Ärgernis […]“, so Adorno. In der Tat ist der öffentliche Umgang mit dem wortgewandten, ebenso scharfsinnigen wie scharfzüngigen Dichter nicht erst seit dem Ende des Nationalsozialismus ein Indikator für das deutsch-jüdische Verhältnis. Das Aufstellen und Entfernen von Denkmälern (wie etwa in Hamburg), die Namensgebung von Orten und Einrichtungen (in Hamburg oder Düsseldorf) und selbst die wissenschaftliche Untersuchung seiner Werke waren nie frei von Vorbehalten und Vorurteilen gegenüber einem jüdischen Autor, den Marcel Reich-Ranicki im positiven Sinne zu den „Ruhestörern“ in der deutschen Literatur zählte. Wie aufmerksam insbesondere die aus Deutschland stammenden Jüdinnen und Juden den Umgang mit Heine auch von Israel aus beobachteten und kommentierten, zeigen die Stationen dieses Kapitels.

Ein Postkartendenkmal

Es stand gerade einmal sieben Jahre, von 1926 bis 1933 im Hamburger Stadtpark: das Heinrich-Heine-Denkmal. Von der Idee bis zur Aufstellung waren 20 Jahre vergangen, in denen wirtschaftliche und politische Widrigkeiten das von Alfred Kerr zum 50. Todestag des Dichters 1906 angestoßene Projekt verzögerten. Zehn Jahre nachdem die Nationalsozialisten das Abbild des verfemten Dichters entfernen ließen, wurde die von Hugo Lederer entworfene Bronzestatue für die Waffenproduktion im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen. Auf dieser Ansichtspostkarte des Fotografen Wilhelm Heinemann ist das Heine-Denkmal an seinem einstigen Standort im Stadtpark verewigt. Umgeben von Spaziergängerinnen, Spaziergängern und Kindern blickt der Dichter nachdenklich in die Umgebung. Die Schreiberin Rahel Estermann schickte die Karte als Gruß zum jüdischen Neujahr am 27.09.1929 aus Hamburg an den damaligen Direktor der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek, Hugo Bergmann. Auffällig ist, dass Rahel Estermann zwar ihre eigene neue Adresse in Lauenburg detailliert angibt, die Karte selbst aber lediglich auf Deutsch (!) an „Herrn Dr. Hugo Bergmann u. Familie. Jerusalem. Nationalbibliothek“ adressiert ist. Für die Post im damals britischen Mandatsgebiet Palästina scheint dies jedoch keine Hürde bei der Zustellung gewesen zu sein.

Quelle: Vorder- und Rückseite einer Postkarte von Rahel Estermann an Shmuel Hugo Bergmann, Hamburg, 27.09.1929, NLI, Shmuel Hugo Bergmann Archiv, ARC. 4* 1502 01 541.
Vorderseite einer Postkarte von Rahel Estermann an Shmuel Hugo Bergmann, Hamburg, 27.09.1929, NLI, Shmuel Hugo Bergmann Archiv, ARC. 4* 1502 01 541. Rückseite einer Postkarte von Rahel Estermann an Shmuel Hugo Bergmann, Hamburg, 27.09.1929, NLI, Shmuel Hugo Bergmann Archiv, ARC. 4* 1502 01 541.
[Bildergalerie & Transkript]

Unbekannter Autor?

Nicht nur aus dem Stadtbild, auch aus dem kulturellen Gedächtnis wollten die Nationalsozialisten Heinrich Heine entfernen und schrieben sein berühmtes „Lied von der Loreley“ einem „unbekannten Autor“ zu. Nach 1945 registrierten jüdische Autorinnen wie Mascha Kaléko sehr genau, wie erfolgreich diese Verdrängung gewesen war. Selbst die Gedenkbriefmarke zum Heine-Jahr 1956 wird in ihrem an Heines „Deutschland, ein Wintermärchen“ angelehnten Gedicht ironisch als Sinnbild des Verdrängens und Vergessens gedeutet. Zu ähnlichen Schlussfolgerungen kam der Schriftsteller und Journalist M. Y. Ben-Gavriêl mit einem ungewöhnlichen Experiment: Ende der 1950er-Jahre begann er damit, aus Jerusalem eingeschriebene Umschläge an berühmte Persönlichkeiten der deutschen Literatur(geschichte) zu verschicken. Die meisten Briefe kamen als „unzustellbar“ zu ihm zurück, die Adressaten seien „unbekannt“ oder „nicht ermittelt“. Als Briefmarkensammler freute sich Ben-Gavriêl über die gestempelten Umschläge mit aktuellen israelischen Briefmarken. Als Essayist schlug er den Bogen von den bürokratischen Vermerken zur vermeintlichen ‚Kulturvergessenheit‘ im Land der Dichter und Denker, mit der er hart ins Gericht ging. In allen Varianten von Ben-Gavriêls Essay ist der erste Adressat, der nach Auskunft der deutschen Postbehörden „hierorts unbekannt“ sei, stets derselbe: Heinrich Heine, Bolkerstraße 7, Düsseldorf.

Quellen: Sonderbriefmarke der Deutschen Bundespost zum 100. Todestag von Heinrich Heine, Wikimedia Commons, Public Domain, online unter: https://commons.wikimedia.org/; M. Y. Ben-Gavriêl, Vergebliche Korrespondenz mit Prominenten, in: [Publikationsort unbekannt], 20.11.1961, S. 79, NLI, Moshe Ya’aqov Ben Gavriel Archiv, ARC. Ms. Var. 365 3 32.
Man feiert den Dichter der „Loreley“
Sein Name wird langsam vertrauter.
Im Lesebuch steht „Heinrich Heine“ sogar,
– Nicht: „unbekannter Autor“.

Zwar gibt’s die Gesamtausgabe nicht mehr,
Auch zum Denkmal scheints nirgends zu reichen.
Man verewigt den Dichter in Miniatur
– Vermittelst Postwertzeichen.

Was die Marke dem Spottvogel Heine wohl
Für ein leckeres Thema böte ...!
Ja, der Deutsche, er kennt seine Klassiker nicht,
Das Zitat aus dem Götz stammt von Goethe.

Mascha Kaléko, „Deutschland, ein Kindermärchen“, 1956

Heine-Forschung

Das Unbehagen im Umgang mit Heinrich Heine machte auch vor der akademischen Heine-Forschung in Nachkriegsdeutschland nicht Halt. Als 1972 in Düsseldorf ein internationaler Heine-Kongress stattfand, waren die Begriffe „Jude“ oder „jüdisch“ nirgends im Programm zu entdecken. Damit war ein Aspekt der im Eröffnungsvortrag von Golo Mann aufgeworfenen Frage „Heine, wem gehört er?“ auffällig abwesend. Der Religionsphilosoph und Pädagoge Ernst Simon, der als einziger jüdischer Redner eingeladen war, hatte bereits im Vorfeld in seinen Briefen an den Organisator und Heine-Herausgeber Manfred Windfuhr darauf beharrt, über „Heine als Jude“ oder „Heines Stellung zum Judentum“ zu sprechen – und zwar ausdrücklich nicht aus theologischer Sicht, wie es der Programmentwurf nahelegte. Zeitungsberichte über den Kongress lobten Simons Vortrag als besonders persönlich und bewegend. Sein geplantes Buch über Heinrich Heine ist allerdings trotz vieler Vorarbeiten und Entwürfe nie erschienen. Wie intensiv sich Simon Zeit seines Lebens mit Heinrich Heine befasst hat, zeigen heute mehr als 30 Archivmappen mit weit über 3.000 Einzelseiten. Ein Großteil davon sind schwer lesbare handschriftliche Notizen wie die hier gezeigte, die sich ausgerechnet auf der Rückseite einer Neujahrskarte des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit befindet.

Quellen: Vorläufiges Programm für den internationalen Heine-Kongress 1972, NLI, Akibah Ernst Simon Archiv, ARC. 4* 1751 12 3284.7-18; Ernst Simon, Heines Stellung zum Judentum. Spätzeit (Typoskript), 1. Seite, NLI, Akibah Ernst Simon Archiv, ARC. 4* 1751 15 3360a; Ernst Simon, Handschriftliche Notiz zu Heine, NLI, Akibah Ernst Simon Archiv, ARC. 4* 1751 12 3284.10.
Ernst Simon, Handschriftliche Notiz zu Heine, NLI, Akibah Ernst Simon Archiv, ARC. 4* 1751 12 3284.10.
[Bildergalerie]
Brief von Alfred Behrend an Ernst Simon, Haifa, 13.01.1977 mit beigelegtem Zeitungsausschnitt Hamburger Abendblatt, 09.12.1976, NLI, Akibah Ernst Simon Archiv, ARC. 4* 1751 12 3285.
[Bildergalerie & Transkript]
Brief von Alfred Behrend an Ernst Simon, Haifa, 18.07.1978 mit beigelegtem Zeitungsausschnitt Düsseldorfer Nachrichten, 03.07.1978, NLI, Akibah Ernst Simon Archiv, ARC. 4* 1751 12 3285.
[Bildergalerie & Transkript]

Heine-Gedenken

Der 1887 in Hamburg geborene Kaufmann Alfred Behrend blieb seiner Heimatstadt trotz nationalsozialistischer Verfolgung und erzwungener Flucht nach Palästina bis ins hohe Alter verbunden. Er besuchte Hamburg regelmäßig, korrespondierte bis zu seinem Tod 1982 mit der Senatskanzlei und mischte sich noch aus dem Altenheim in Haifa in tagespolitische Fragen ein. Als Ende 1976 die Einrichtung eines „Heinrich-Heine-Hauses“ durch den Hoffmann und Campe Verlag diskutiert wurde, befürwortete er die Idee in einem Leserbrief an die Eimsbütteler Zeitung, über den im Hamburger Abendblatt berichtet wurde. Auch für die Benennung der Universität Düsseldorf nach Heinrich Heine setzte Behrend sich von Haifa aus ein, worüber 1978 wiederum die Düsseldorfer Nachrichten berichteten, denn Behrend war selbst ein Nachfahre von Heinrich Heines Onkel Salomon Heine und somit ein Urgroßcousin des Dichters. Er stand mit dem Düsseldorfer Heine-Forscher Manfred Windfuhr ebenso in Kontakt wie mit Erich Lüth in Hamburg. Die Dokumente seines Engagements für das Gedenken an Heinrich Heine schickte er an den von ihm verehrten „Heinefreund“ Ernst Simon in Jerusalem, in dessen Nachlass sie heute zu finden sind.

Quellen: Gerhard Moriz, „Zum ‚Heinrich-Heine-Haus‘ kam Zustimmung aus Israel“, in: Hamburger Abendblatt, 07.12.1976, o.S., NLI, Akibah Ernst Simon Archiv, ARC. 4* 1751 12 3285. Mit freundlicher Genehmigung des Hamburger Abendblattes; „Von Haifa aus. Nachfahre Heines um Düsseldorf bemüht“, in: Düsseldorfer Nachrichten, 04.07.1978, Stadtarchiv Düsseldorf, 7-6-42-303.0000; Brief von Alfred Behrend an Ernst Simon, Haifa, 13.01.1977 mit beigelegtem Zeitungsausschnitt Hamburger Abendblatt, 09.12.1976, NLI, Akibah Ernst Simon Archiv, ARC. 4* 1751 12 3285; Brief von Alfred Behrend an Ernst Simon, Haifa, 18.07.1978 mit beigelegtem Zeitungsausschnitt Düsseldorfer Nachrichten, 03.07.1978, NLI, Akibah Ernst Simon Archiv, ARC. 4* 1751 12 3285.

Netzwerker: Max Grunwald schreibt…

Der Name und die Handschrift von Max Grunwald ziehen sich wie ein roter Faden durch die Nachlässe deutsch-jüdischer Persönlichkeiten in der Israelischen Nationalbibliothek in Jerusalem. Bisherige Funde dokumentieren zahlreiche Korrespondenzpartner in mindestens zwölf verschiedenen Nachlässen. Die Briefe und Postkarten decken einen Zeitraum von etwa drei Jahrzehnten vom Ende des 19. bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts ab. Max Grunwald, der 1871 in Breslau geboren und dort zum Rabbiner ausgebildet worden war, wirkte in Hamburg an der Neuen Dammtor-Synagoge und war dort auch einer der Initiatoren der Gesellschaft für jüdische Volkskunde. 1903 zog er nach Wien, wirkte dort ebenfalls als Rabbiner und gab weiterhin die Mitteilungen der Gesellschaft für jüdische Volkskunde heraus, für die er in der Postkarte an Wilhelm Bacher um einen Beitrag wirbt. Auch die weiteren Korrespondenzen dokumentieren Grunwalds weitverzweigte Wissenschaftsnetzwerke. Neben Anfragen um finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten für die weitere Herausgabe der Mitteilungen und Beiträge im Jüdischen Lexikon zeugen die Dokumente von einem „Schriftentausch“, aber auch den Hürden für eine Zusammenarbeit, die durch hohe Reisekosten und sehr unterschiedliche Arbeitsbedingungen erschwert wurden, wie Grunwald gegenüber Gershom Scholem betonte. Ob Max Grunwald seine wissenschaftlichen Netzwerke 1938 auch für seine Flucht aus Wien nach Palästina nutzbar machen konnte, lässt sich an den gefundenen Korrespondenzen nicht ablesen. Sein eigener Nachlass, der durch die Israelische Nationalbibliothek noch erschlossen wird, wird zukünftig umfassendere Einblicke in Grunwalds Leben und Wirken geben. Dass Hamburg für Grunwald auch in der Rückschau eine prägende Lebensstation war, zeigt der Auszug aus seiner unveröffentlichten Autobiografie.

„Sollten bei Ihrer Riesenarbeit nicht gelegentlich auch ein Paar Hobelspäne für unsere ‚Mitteilungen‘ abfallen?“

Max Grunwald an Prof. W. Bacher, 1900

Postkarte von Max Grunwald an Prof. W. Bacher, Hamburg, 22.09.1900, NLI, Science of Judaism Letter Collection, ARC. Ms. Var. 236 02 163.
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… an Wilhelm Bacher

Als Max Grunwald am 22.09.1900 diese Postkarte an Wilhelm Bacher, Professor für biblische Wissenschaften an der Landesrabbinerschule in Budapest schrieb, lag die Gründung der Gesellschaft für jüdische Volkskunde in Hamburg gerade zwei Jahre zurück. Die Gesellschaft hatte es sich zum Ziel gemacht, durch eine umfassende Sammlungstätigkeit von Zeugnissen jüdischer Kultur und Religion diese zu erforschen und „wiederzubeleben“. Zweimal im Jahr gab Grunwald die Mitteilungen der Gesellschaft für jüdische Volkskunde heraus. Hierfür griff er auch auf seine internationalen wissenschaftlichen Netzwerke zurück. Bacher war bereits seit 1899 als Mitglied der Hamburger Gesellschaft für jüdische Volkskunde gelistet und kam Grunwalds Anfrage schon einige Monate später nach. Sein Beitrag über „Ein hebräisches Lied zu Simchath-Thora aus Buchârâ und Jemen“ erschien im ersten Heft des Jahres 1901 und wurde zu Beginn des folgenden Heftes um einen Nachtrag ergänzt.

Quellen: Postkarte von Max Grunwald an Prof. W. Bacher, Hamburg, 22.09.1900, NLI, Science of Judaism Letter Collection, ARC. Ms. Var. 236 02 163; W. Bacher, Ein hebräisches Lied zu Simchath-Thora, in: Mitteilungen der Gesellschaft für jüdische Volkskunde, 1 (1901), VII, S. 68-75, S. 68, Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt am Main, online unter: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2643608.
Max Grunwalds Eintrag zum Lemma „Hamburg“ im Jüdischen Lexikon, Band II D-H, Berlin 1928, Sp. 1371–1381, Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt am Main, online unter: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/content/pagetext/363914.
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Postkarte von Max Grunwald an Jüdischer Verlag, Baden bei Wien, 10.01.1933, NLI, Siegmund Kaznelson Archiv, ARC. 4* 1749 3 2. Postkarte von Max Grunwald an Jüdischer Verlag, Baden bei Wien, 10.01.1933, NLI, Siegmund Kaznelson Archiv, ARC. 4* 1749 3 2.
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… an Sigmund Kaznelson

In den vier Bänden des Jüdischen Lexikons, die zwischen 1927 und 1930 erschienen, finden sich zahlreiche Einträge, die mit dem Kürzel „M.G.“ (Max Grunwald) gekennzeichnet sind. Grunwalds substanzieller Beitrag zu diesem bis heute umfangreichsten vollständigen deutschsprachigen Nachschlagewerk umfasst sowohl kurze Einträge von wenigen Zeilen zu einzelnen religiösen Begriffen als auch mehrseitige Artikel wie „Memoirenliteratur“, „Trachten der Juden“, „Hygiene der Juden“ oder „Hamburg“. Die hier gezeigte Postkarte, die Grunwald im Januar 1933 an die Lexikon-Redaktion schrieb, stammt aus der „Korrespondenz betreffend die Artikel im geplanten Supplementband des Jüdischen Lexikons“ – so der Titel von vier voluminösen Mappen im Nachlass des Redakteurs und Verlegers Siegmund Kaznelson, der zu dieser Zeit Direktor des Jüdischen Verlages war. Grunwald erkundigte sich nach dem Stand der Dinge und machte weitere Vorschläge für ergänzende Einträge. Doch die politische Lage in Deutschland 1933 verhinderte das Erscheinen des Supplementbandes. Nur die Korrespondenzen mit den Autorinnen und Autoren sowie einige weitere Mappen mit eingereichten, durchgesehenen, aber auch mit abgelehnten Manuskripten legen heute noch Zeugnis von seiner ungefähren Gestalt ab.

Quellen: Max Grunwalds Eintrag zum Lemma „Hamburg“ im Jüdischen Lexikon, Band II D-H, Berlin 1928, Sp. 1371–1381, Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt am Main, online unter: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/content/pagetext/363914; Postkarte von Max Grunwald an Jüdischer Verlag, Baden bei Wien, 10.01.1933, NLI, Siegmund Kaznelson Archiv, ARC. 4* 1749 3 2.

… an Josef Popper-Lynkeus

Unter den deutschsprachig-jüdischen Nachlässen, die an der Israelischen Nationalbibliothek aufbewahrt werden, gehört der von Josef Popper-Lynkeus zu den bis heute wenig beachteten. Die Person und ihre Zeugnisse gerieten weitgehend in Vergessenheit. Chefbibliothekar Felix Weltsch hatte 1960 in einem Artikel über die Nachlässe an der Bibliothek als „Erbe einer Generation“ noch die besondere Bedeutung des Ingenieurs, Vordenkers und Sozialreformers Popper-Lynkeus betont und seinem Nachlass großes und andauerndes Forschungsinteresse prophezeit. Dieses stellte sich jedoch nie so richtig ein, obwohl selbst Albert Einstein ein bekennender Bewunderer von Popper-Lynkeus gewesen war. Um die Jahrhundertwende hatten Josef Poppers unter dem Pseudonym Lynkeus erschienene Phantasien eines Realisten (1899) für großes Aufsehen gesorgt; in Österreich war das Buch aus „Sittlichkeitsgründen“ bis 1922 sogar verboten. Wie viele andere Intellektuelle seiner Zeit (etwa Sigmund Freud, Arthur Schnitzler und Stefan Zweig) war auch Max Grunwald mit Popper-Lynkeus in Kontakt und bedankte sich bei dem „Hochverehrte[n] Herr[n] Ingenieur“ mit dieser beidseitig beschriebenen Visitenkarte aus dem Jahr 1910 überschwänglich für die Zusendung einer nicht näher genannten Publikation. Vermutlich handelte es sich um das Buch Das Individuum und die Bewertung menschlicher Existenzen, das im selben Jahr in Dresden erschienen war.

Quellen: Buchcover von Josef Popper-Lynkeus, Das Individuum und die Bewertung menschlicher Existenzen, Dresden 1910; Vorder- und Rückseite einer Visitenkarte mit Nachricht von Max Grundwald an Josef Popper-Lynkeus, Wien, 12.11.1910, NLI, Josef Popper-Lynkeus Archiv, ARC. Ms. Var. 303 03 100.37.
Rückseite einer Visitenkarte mit Nachricht von Max Grunwald an Josef Popper-Lynkeus, Wien, 12.11.1910, NLI, Josef Popper-Lynkeus Archiv, ARC. Ms. Var. 303 03 100.37. Vorderseite einer Visitenkarte mit Nachricht von Max Grunwald an Josef Popper-Lynkeus, Wien, 12.11.1910, NLI, Josef Popper-Lynkeus Archiv, ARC. Ms. Var. 303 03 100.37.
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Postkarte von Max Grunwald an Gershom Scholem, Wien, September 1933, NLI, Gershom Scholem Archiv, ARC. 4* 1599 01 997.
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… an Gershom Scholem

Im September 1933 eine Postkarte aus Österreich nach Palästina zu schicken, war nicht günstig, wie die zahlreichen zusätzlichen Marken auf diesem Exemplar zeigen, die selbst das Panorama von Neumarkt in der Steiermark überlagern: 30 Groschen statt der vorgedruckten 12 Groschen für den nationalen Versand. Noch wesentlich kostenintensiver war jedoch das Verlegen wissenschaftlicher Publikationen sowie das Reisen nach Jerusalem. Von diesen Nöten handelt die von zahlreichen hebräischen Begriffen durchzogene Nachricht von Max Grunwald an Gershom Scholem. Verbunden mit Berichten über verschiedene Entdeckungen zum Thema jüdische Volksmedizin bittet er um Hinweise auf mögliche Geldgeber, um eine bereits in der Zeitschrift Menorah abgedruckte Studie zu Holzsynagogen in Polen als Buch herauszugeben. Zugleich kündigt er an, nach über 20 Jahren selbst wieder nach Palästina reisen zu wollen, um dort seinen Sohn zu besuchen und mit Scholem persönlich zusammenzutreffen. Weitere Korrespondenz mit Grunwald ist in Scholems Nachlass jedoch nicht erhalten, ob es zu dem in Aussicht gestellten Treffen kam, bleibt daher unklar. Das geplante Buch über die polnischen Holzsynagogen erschien 1934 ohne Verlagsangabe in Wien.

Quellen: Postkarte von Max Grunwald an Gershom Scholem, Wien, September 1933, NLI, Gershom Scholem Archiv, ARC. 4* 1599 01 997; Holzsynagogen in Polen, hrsg. v. Alois Breyer, Max Eisler, Max Grunwald, in: Menorah 10 (1932), 5-6, S. 221-236, S. 221, Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt am Main, online unter: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/.

… an Martin Buber

Auch nach seiner Flucht von Wien nach Jerusalem 1938 war die wissenschaftliche Arbeit von Max Grunwald von wiederkehrenden Herausforderungen geprägt. Publikationen in hebräischen Verlagen erforderten nun zusätzlich die Übersetzung seiner auf Deutsch verfassten Arbeiten. Sein Bemühen, in Palästina eine Jüdische Kulturgeschichte zu publizieren, deren Veröffentlichung in Wien vom Einmarsch der Deutschen vereitelt worden war, erwies sich als schwierig. Deshalb griff Grunwald auf seine bestehenden (Korrespondenz-)Netzwerke zurück und bat Martin Buber kurzerhand um direkte Intervention beim Verlag Mossad Bialik. Wie nebenbei erwähnt Grunwald in seinem Schreiben auch all die anderen Herren, die er in der Sache bereits konsultiert habe. Am Ende scheint all das Netzwerken nicht genützt zu haben. Eine Publikation von Grunwalds Jüdischer Kulturgeschichte lässt sich ebenso wenig nachweisen wie das im Brief erwähnte Wörterbuch der Jüdischen Folklore, dessen Erarbeitung 1934 mit dem Nationaldichter Chaim Nachman Bialik persönlich vereinbart worden sein soll.

Quelle: Brief von Max Grunwald an Martin Buber, Jerusalem, 23.08.1942, NLI, Martin Buber Archiv, ARC. Ms. Var. 350 008 251f.
Brief von Max Grunwald an Martin Buber, Jerusalem, 23.08.1942, NLI, Martin Buber Archiv, ARC. Ms. Var. 350 008 251f.
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Auszug aus Max Grunwalds Autobiografie „Achtzig Jahre meines Lebens“, Central Archives for the History of the Jewish People, P97-3 Grunwald, Max - Private Collection.
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… über Hamburg

Obwohl der Nachlass von Max Grunwald bislang nicht erschlossen ist, finden sich handschriftliche und andere Zeugnisse von ihm in zahlreichen Beständen der NLI und der Central Archives for the History of the Jewish People. So auch der mehr als 100-seitige handschriftliche Entwurf seiner Autobiografie Achtzig Jahre meines Lebens, die er vermutlich Anfang der 1950er-Jahre in Jerusalem verfasste. Gleich zu Beginn gibt Grunwald einen Überblick über seine Lebensstationen in Europa: Breslau, Hamburg und Wien. Die acht Jahre, die er von 1895 bis 1903 als Rabbiner in der Hansestadt verbracht hatte, wertete er als vor allem für seine wissenschaftliche Laufbahn prägend. Nur kurz beschreibt er die Einweihung der Neuen Dammtor-Synagoge, bei der die Hamburger Obrigkeit in vollem „spanischen“ Ornat zugegen gewesen sei. Zugleich macht der Text deutlich, dass die verschiedenen religiösen Strömungen und Traditionen, die Grunwald in seiner Hamburger Zeit erlebte, mitgestaltete und beobachtete, einen Anstoß und Ausgangspunkt für sein Interesse an jüdischer Volkskunde bildeten. Mit der Gründung der Gesellschaft für jüdische Volkskunde sowie der Herausgabe der Mitteilungen hatte er bereits in Hamburg ein wissenschaftliches und publizistisches Netzwerk für sein Lebensthema geschaffen, dessen er sich auch in Wien und später in Jerusalem ausgiebig bediente.

Quellen: Auszug aus Max Grunwalds Autobiografie „Achtzig Jahre meines Lebens“, Central Archives for the History of the Jewish People, P97-3 Grunwald, Max - Private Collection; Außenansicht der Neuen Dammtor Synagoge, IGdJ-Bildarchiv, BAU00011, online unter: https://bildarchiv-juedische-geschichte.de/.

Auszeichnung: Der Hansische Goethe-Preis für Martin Buber

Die Stationen in diesem Kapitel illustrieren, wie Martin Buber noch vor Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Israel zu einer zentralen Referenz in der öffentlichen Auseinandersetzung mit der deutsch-jüdischen Kultur und Wissenschaft avancierte. Von der Entscheidung, ihm den Hansischen Goethe-Preis 1951 zu verleihen, den innerjüdischen Vorbehalten gegen eine Annahme des Preises und der feierlichen Preisverleihung im Hamburger Rathaus 1953 schlägt das Kapitel über eine Buber-Ausstellung in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg 1978 bis zur Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille 2025 in Hamburg einen Bogen bis in die Gegenwart. Dabei vollziehen die Stationen einen Perspektivwechsel und zeigen anhand von Quellen unterschiedlicher Provenienz, wie Martin Buber als Symbol für Dialogbereitschaft und Wiederbegegnung gelesen und damit zu einer Projektionsfläche für die deutsche Mehrheitsgesellschaft werden konnte. Das eigentliche wissenschaftliche und philosophische Wirken standen dabei, so zeigen es die Beispiele, weniger im Fokus als die mit der Person Martin Buber verknüpften Ideen und Hoffnungen.

Niederschrift über die Sitzung des Kuratoriums des Hansischen Goethe-Preises am Sonnabend, den 1. Dezember 1951 um 9.00 Uhr im Rektorat der Universität Hamburg (mit Anlage), Staatsarchiv Hamburg, 364-5 I (Universität I), P 70.22.02.
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Brief von Bruno Snell an Martin Buber, Hamburg, 07.12.1951, Staatsarchiv Hamburg, 364-5 I (Universität I), P 70.22.02.
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Entscheidung 1951

Der Glanz kultureller Preise strahlt stets in zwei Richtungen. Im besten Fall steigt das allgemeine Ansehen sowohl der Ausgezeichneten als auch der Auszeichnenden. Das Protokoll der Kuratoriumssitzung des Hansischen Goethe-Preises vom 01.12.1951 spiegelt die komplexen Erwägungen bei der Vergabe eines wichtigen Preises exemplarisch wider. Martin Buber steht auf dem ersten Platz einer Liste von 24 teils sehr bekannten Persönlichkeiten, deren jeweilige Eignung (oder Nichteignung) für den Goethe-Preis kurz erläutert wird. Aber erst die Zusicherung Bubers, den Preis im Falle der Auszeichnung auch tatsächlich anzunehmen, und die Überwindung der Bedenken des Stifters Alfred Töpfer „wegen des noch bestehenden Kriegszustandes mit Israel“ ermöglichten die Umsetzung der einstimmigen Entscheidung. Das offizielle Schreiben des Universitätsrektors Bruno Snell an Martin Buber deutet daraufhin, dass die „Ehre und Freude“, die Buber der Universität und der Stadt Hamburg durch die persönliche Annahme des Preises erweisen konnte, wohl um einiges größer war als der Zugewinn an Prestige für den Preisträger selbst. Die Vorbehalte und Anfeindungen, denen Buber nach dem Bekanntwerden der Auszeichnung ausgesetzt war, unterstreichen noch einmal die Asymmetrie der Ehrung.

Quellen: Niederschrift über die Sitzung des Kuratoriums des Hansischen Goethe-Preises am Sonnabend, den 1. Dezember 1951 um 9.00 Uhr im Rektorat der Universität Hamburg (mit Anlage), Staatsarchiv Hamburg, 364-5 I (Universität I), P 70.22.02; Brief von Bruno Snell an Martin Buber, Hamburg, 07.12.1951, Staatsarchiv Hamburg, 364-5 I (Universität I), P 70.22.02.
„Auch die Stiftung F.V.S. [Freiherr vom Stein] suchte sich bei der Verleihung eines ihrer großen Preise in die Bemühung um eine moralische Wiedergutmachung einzuschalten. [...] So kam es zu einem [...] Vorschlag, der weder literarisch noch religiös dem geringsten Zweifel ausgesetzt war: MARTIN BUBER.“

Erich Lüth, 1966

Einladungskarte zu einem Vortrag von Prof. Martin Buber in Los Angeles, 21.02.1952 mit handschriftlicher Notiz (Vorderseite), NLI, Martin Buber Archiv, ARC Ms Var. 350 01 26a-c.
[Bildergalerie & Transkript]
Mascha Kaléko: Die Preisgabe (handschriftlicher Entwurf), New York, 1952, DLA, A: Kaléko, Mascha. Telegramm des israelischen Konsuls Eliahu Livneh an die Stiftung F.V.S. Hamburg, 22.06.1953, NLI, Martin Buber Archiv, ARC Ms Var. 350 01 26a-c.
[Transkript]

Vorbehalte

Die Verleihung des Hansischen Goethe-Preises an Martin Buber fiel – wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges – in eine überaus sensible Zeit, in der es offiziell keinerlei Beziehungen zwischen dem Staat Israel und der Bundesrepublik Deutschland gab. Gleichzeitig wurde über Wiedergutmachungszahlungen für die nationalsozialistischen Verbrechen verhandelt, was zu starken Protesten in Israel und 1952 zum Luxemburger Abkommen führte. Auch Martin Buber erntete für seine Entscheidung, den Goethe-Preis anzunehmen und damit dem deutschen „Bemühen um moralische Wiedergutmachung“ (Erich Lüth) entgegenzukommen, sowohl in Israel als auch in der jüdischen Diaspora heftige Kritik. Die anonyme Zuschrift auf der Einladungskarte zu einem Buber-Vortrag in Los Angeles im Februar 1952 bringt die Vorbehalte auf den Punkt. Ungefähr zur gleichen Zeit formulierte Mascha Kaléko in New York ihre Kritik an Bubers Entscheidung auf ihre Weise – in dem kurzen Gedicht „Die Preisgabe“. Dass auch die Absage des israelischen Konsuls Eliahu Livneh für die Preisverleihung im Juni 1953 nicht ausschließlich „technische Gründe“ hatte, darf angenommen werden. Das Konsulat in München wurde tatsächlich kurz darauf geschlossen und von der israelischen Handelsmission in Köln abgelöst. Offizielle diplomatische Beziehungen zwischen Israel und Deutschland gab es erst ab 1965.

Quellen: Einladungskarte zu einem Vortrag von Prof. Martin Buber in Los Angeles, 21.02.1952 mit handschriftlicher Notiz (Vor- und Rückseite), NLI, Martin Buber Archiv, ARC. Ms. Var. 350 01 26a-c; Mascha Kaléko: Die Preisgabe (handschriftlicher Entwurf), New York, 1952, DLA, A: Kaléko, Mascha; Telegramm des israelischen Konsuls Eliahu Livneh an die Stiftung F.V.S. Hamburg, 22.06.1953, NLI, Martin Buber Archiv, ARC Ms Var. 350 01 26a-c.

Verleihung 1953

Obwohl die Verleihung des Hansischen Goethe-Preises für das Jahr 1951 zunächst für Februar 1952 angesetzt war, dauerte es bis zum 24.06.1953 bis Martin Buber persönlich nach Hamburg kam und die Auszeichnung im Festsaal des Hamburger Rathauses entgegennahm. Die Urkunde listet ausführlich die philosophischen, moralischen und erzieherischen Verdienste Bubers auf, der „stets […] für eine Verständigung unter den Menschen mutig eintrat“. Im Kontrast zur Opulenz der hölzernen Verzierungen im Festsaal und des feierlichen mit steifem Kragen und Amtskette bewehrten Talars des Universitätsrektors Bruno Snell verschwindet der von vielen Menschen verehrte Jerusalemer Philosoph auf der hier gezeigten Fotografie von der Zeremonie in seinem bescheidenen dunklen Anzug nahezu am linken Bildrand.

Quellen: Aufnahme von Martin Buber bei der Überreichung der Urkunde durch Professor Snell, Hamburg, 24.06.1953, NLI, Martin Buber Archiv, ARC. Ms. Var. 350 15 44; Urkunde zur Verleihung des Hansischen Goethe-Preises an Prof. Dr. Martin Buber, ausgestellt von der Universität Hamburg, Hamburg, 24.06.1953, NLI, Martin Buber Archiv, ARC. Ms. Var. 350 01 26.
Ausführungen Martin Bubers zur Annahme des Goethe-Preises (Fotokopie), o.O., O.D., NLI, Martin Buber Archiv, ARC Ms Var. 350 01 26a-c.
[Bildergalerie & Transkript]
Brief von Paula Buber an Eva Strauss, NLI, Ludwig Strauss Archiv, ARC. Ms. Var. 424 7 19.
[Bildergalerie & Transkript]

Bubers Sicht der Dinge

In Reaktion auf die Kritik an der Preisverleihung sah sich Martin Buber offensichtlich genötigt, seine Entscheidung für die Annahme des Preises zu rechtfertigen. Sein handschriftlicher Entwurf einer Erwiderung, der in Kopie in seinem Nachlass erhalten ist, schlägt einen Bogen vom Widerstand gegen den Nationalsozialismus zum gegenwärtigen Kampf um Menschlichkeit. Er wolle die humanen Kräfte stärken und habe deshalb den Preis im Sinne eines „symbolischen Bekenntnisses“ angenommen und das Preisgeld für entsprechende Zwecke in Israel gespendet. Einen etwas anderen, eher privaten Blick auf Bubers Reise nach Hamburg erlaubt der Brief seiner Frau Paula Buber an die gemeinsame Tochter Eva Strauss in Israel. Ausführlich beschreibt sie die Annehmlichkeiten und das Wohlwollen, das insbesondere Martin Buber sowohl seitens der Stadt Hamburg als auch seitens der dortigen Jüdischen Gemeinde entgegengebracht worden sei. Alles sei „wie im Märchen“. Dem Ersten Bürgermeister Max Brauer – „ein alter Sozialdemokrat, von dem ich in New York viel hörte“ – bescheinigt sie sichtbare Erfolge beim Wiederaufbau der Stadt. Auf der letzten Seite des Briefes findet sich ein kurzer Gruß von „Vater“, der seiner Tochter die „innigsten Wünsche“ sendet.

Quellen: Ausführungen Martin Bubers zur Annahme des Goethe-Preises (Fotokopie), o.O., O.D., NLI, Martin Buber Archiv, ARC Ms Var. 350 01 26a-c; Brief von Paula Buber an Eva Strauss, NLI, Ludwig Strauss Archiv, ARC. Ms. Var. 424 7 19.
Ausstellungsplakat „Martin Buber 1878–1978. Werk und Wirkung“, Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg / Institut für die Geschichte der deutschen Juden, 01.03.–15.04.1978, Staats- und Universitätsbibliothek Carl von Ossietzky, Bibliotheksarchiv, Ausstellungen, Mappe 1978/03.
Ausstellungsplakat „Martin Buber 1878–1978. Werk und Wirkung“, Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg / Institut für die Geschichte der deutschen Juden, 01.03.–15.04.1978, Staats- und Universitätsbibliothek Carl von Ossietzky, Bibliotheksarchiv, Ausstellungen, Mappe 1978/03.
Urkunde zur Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille 2025, verliehen durch den Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit, © Deutscher Koordinierungsrat.
Urkunde zur Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille 2025, verliehen durch den Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit, © Deutscher Koordinierungsrat.
Aufnahme von der Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille an Meron Mendel und Saba-Nur Cheema im Hamburger Rathaus, 09.03.2025, Fotos: Patricia Grähling, © Deutscher Koordinierungsrat.
Aufnahme von der Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille an Meron Mendel und Saba-Nur Cheema im Hamburger Rathaus, 09.03.2025, Fotos: Patricia Grähling, © Deutscher Koordinierungsrat.

Spätere Würdigung

„Im Mittelpunkt seiner Lehre steht die Vorstellung vom Gespräch, vom Dialog zwischen Menschen und zwischen Mensch und Gott. Er setzt sich über enge religiöse Begrenzungen hinweg und wird zu einer wichtigen Stimme in den christlich-jüdischen Begegnungen der Zwischenkriegszeit und nach dem Ende des II. Weltkriegs.“

vermutl. Einleitungstext zur Ausstellung „Martin Buber 1878–1978. Werk und Wirkung“, 1978

Martin Buber blieb auch in den folgenden Jahrzehnten eine zentrale Bezugsgröße und Projektionsfläche in nichtjüdisch-jüdischen bzw. deutsch-israelischen Wiederannäherungsprozessen. Anlässlich des 100. Geburtstages des Religionsphilosophen regte der Deutsche Koordinierungsrat der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit während der „Woche der Brüderlichkeit“ im Jahr 1978 deutschlandweite Ausstellungen zu Bubers Werk an. „Martin Buber wollte nicht nur eine Brücke zwischen Christen und Juden bauen, sondern auch zwischen Deutschen und Juden. Er ist für uns einer der Väter unserer Arbeit.“ schrieb Wolfgang Zink, Generalsekretär des Deutschen Koordinierungsrates 1977 an den Ersten Bürgermeister der Stadt Hamburg. Der Anstoß zur „Wiederbelebung“ von Bubers Werk wurde vom Kulturamt der Stadt aufgenommen und durch Rolf Burmeister von der Staats- und Universitätsbibliothek und den Direktor des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden Peter Freimark umgesetzt. Im März 1978 wurde in der Staatsbibliothek die Ausstellung „Martin Buber 1878–1978. Werk und Wirkung“ präsentiert, die aufgrund des „vielfachen Wunsches“ um zwei Wochen verlängert wurde. Mehr als 50 Jahre später verlieh im Themenjahr „Füreinander Streiten“ der Deutsche Koordinierungsrat die Buber-Rosenzweig-Medaille an die Politologin und Publizistin Saba-Nur Cheema und den Historiker Meron Mendel. Die Verleihung fand am 09.03.2025 im Festsaal des Hamburger Rathauses statt, in dem Martin Buber 72 Jahre zuvor den Hansischen Goethe-Preis entgegengenommen hatte.

Wiederbegegnungen: Kontakte nach Hamburg vor und nach 1945

Für deutschsprachige Jüdinnen und Juden in Jerusalem war Hamburg – das zeigen die beiden Beispiele in diesem Kapitel – sowohl vor 1933 als auch nach 1945 eine durchaus interessante Adresse. Die ausgewählten Korrespondenzen des Schriftstellers M. Y. Ben-Gavriêl und des Pädagogen und Religionsphilosophen Ernst Simon illustrieren neben intensiven Kontakten jedoch auch eindrücklich, wie sehr die jeweiligen gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen die Beziehungen und Möglichkeiten der Zusammenarbeit prägten. Ben-Gavriêl musste fast 30 Jahre warten, bevor sein Wunsch, bei Hoffmann und Campe in Hamburg verlegt zu werden, in Erfüllung ging, erfreute sich dann aber großer Beliebtheit beim Publikum. Im Fall von Ernst Simon dokumentieren die gezeigten Briefe ein doppeltes Scheitern der Kontakte zwischen Jerusalem und Hamburg. 1929/30 endete eine Bewerbung Simons um eine Lehrerstelle an der Talmud-Tora-Schule mit einer beidseitigen Absage. 1976 kam dann ein geplanter Vortrag Simons über Martin Buber in der Jüdischen Gemeinde Hamburg kurzfristig nicht zustande.

M. Y. Ben-Gavriêl sucht einen Verlag in Hamburg

Klagen über die vergebliche Suche nach Verlagen für seine Bücher gehören zu den wiederkehrenden Motiven in den Briefen und Tagebüchern des seit 1927 in Jerusalem lebenden, aber weiterhin auf Deutsch schreibenden Autors M. Y. Ben-Gavriêl (Eugen Hoeflich). Beim Israelitischen Familienblatt Hamburg konnte er 1928 immerhin die Romane Haran und Hefker über die Erlebnisse eines jungen jemenitischen Juden in Europa sowie 1931 seinen Abenteuerroman Orientabteilung 3 in Fortsetzungen unterbringen. Eine ‚echte‘ Buchveröffentlichung wollte aber nicht gelingen. Die ausführliche Absage des Verlags Hoffmann und Campe vom 07.04.1933 zeigt deutlich die vorauseilende Anpassung des deutschen Buchmarktes an die veränderten politischen Bedingungen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, wodurch „die jüdische Belletristik in den Hintergrund gedrängt“ worden sei. Durchaus wohlwollend im Ton und lobend hinsichtlich der literarischen Qualität der eingereichten Manuskripte windet sich das zweiseitige Schreiben wortreich und endet mit der Hoffnung „später einmal ins Geschäft [zu] kommen“. Bis dahin sollten jedoch fast 30 Jahre vergehen.

Quellen: Brief von Hoffmann und Campe an M. Y. Ben-Gavriêl, Hamburg, 07.04.1933, NLI, Moshe Ya’aqov Ben Gavriel Archiv, ARC. Ms. Var. 365 4 122; Erste Folge des Fortsetzungsromans Orientabteilung 3 von M. Y. Ben-Gavriêl in der Beilage zum Israelitischen Familienblatt Hamburg, 16.07.1931, NLI, Moshe Ya’aqov Ben Gavriel Archiv, ARC. Ms. Var. 365 2 102; Erste Folge des Fortsetzungsromans Hefker oder Das Kaleidoskop (Bericht über eine jüdische Generation) von M. Y. Ben-Gavriêl in der Beilage zum Israelitischen Familienblatt Hamburg, 02.08.1928, NLI, Moshe Ya’aqov Ben Gavriel Archiv, ARC. Ms. Var. 365 2 110; Erste Folge des Fortsetzungsromans Haran von Eugen Hoeflich (M. Y. Ben-Gavriêl) in der Beilage zum Israelitischen Familienblatt Hamburg, 23.02.1928, NLI, Moshe Ya’aqov Ben Gavriel Archiv, ARC. Ms. Var. 365 2 101.
Brief von Hoffmann und Campe an M. Y. Ben-Gavriêl, Hamburg, 07.04.1933, NLI, Moshe Ya’aqov Ben Gavriel Archiv, ARC. Ms. Var. 365 4 122.
[Bildergalerie]
Erste Folge des Fortsetzungsromans Orientabteilung 3 von M. Y. Ben-Gavriêl in der Beilage zum Israelitischen Familienblatt Hamburg, 16.07.1931, NLI, Moshe Ya’aqov Ben Gavriel Archiv, ARC. Ms. Var. 365 2 102.
Aufnahme von M. Y. Ben-Gavriêl bei einer Lesung in der Thalia-Buchhandlung (handschriftliche Widmung auf der Rückseite), Hamburg, 1965, NLI, Moshe Ya’aqov Ben Gavriel Archiv, ARC. Ms. Var. 365 1 33.
[Bildergalerie & Transkript]
Schreiben von Erich Lüth an M. Y. Ben-Gavriêl, Hamburg, 28.07.1959, NLI, Moshe Ya’aqov Ben Gavriel Archiv, ARC. Ms. Var. 365 4 181.

M. Y. Ben-Gavriêl findet sein Publikum in Hamburg

In den 1950er-Jahren gelang M. Y. Ben-Gavriêl mit humorvollen Geschichten aus dem Nahen Osten der langersehnte Durchbruch beim deutschen Publikum. Auch in den Hamburger Bücherhallen wurden Werke wie Krieg und Frieden des Bürgers Mahaschavi (1952), Das anstößige Leben des großen Osman (1955), Kumsits. Geschichten aus der Wüste (1956) oder Das Haus in der Karpfengasse (1958) stark nachgefragt, wie ihm Erich Lüth 1959 in einem kurzen Brief berichtete. In den 1960er-Jahren wurden schließlich vier seiner Bücher bei Hoffmann und Campe in Hamburg verlegt. Als Die sieben Einfälle der Thamar Dor (1962) gerade im Erscheinen war, schickte Ben-Gavriêl ein „köstliche[s] Dokument“, das ihm beim Ordnen seines Archivs für die Nationalbibliothek in die Hände gefallen war, an den Verlagsleiter Albrecht Bürkle, den es „aus historischen Gruenden schon interessieren“ werde: Es war die Absage von 1933. Indem Ben-Gavriêl dem Verlag sein früheres Verhalten vor Augen führte, bat er zugleich um Rücksendung des Schreibens, das sich heute in seinem Nachlass in Jerusalem befindet und die wechselvolle Beziehung illustriert. Mit seinem letzten Buch, Kamele trinken auch aus trüben Brunnen (1965), schloss sich der Kreis endgültig. Es handelte sich um eine überarbeitete Fassung des 1930 im Israelitischen Familienblatt Hamburg abgedruckten Romans Orientabteilung 3. Noch kurz vor seinem Tod im September 1965 war Ben-Gavriêl zu einer Lesung nach Hamburg gekommen, wie die Fotografie mit handschriftlicher Widmung des Inhabers der Thalia-Buchhandlung Erich Könnecke vom Mai desselben Jahres zeigt.

Quellen links: Aufnahme von M. Y. Ben-Gavriêl bei einer Lesung in der Thalia-Buchhandlung (handschriftliche Widmung auf der Rückseite), Hamburg, 1965, NLI, Moshe Ya’aqov Ben Gavriel Archiv, ARC. Ms. Var. 365 1 33; Schreiben von Erich Lüth an M. Y. Ben-Gavriêl, Hamburg, 28.07.1959, NLI, Moshe Ya’aqov Ben Gavriel Archiv, ARC. Ms. Var. 365 4 181.
Quellen rechts: Schreiben von M. Y. Ben-Gavriêl an Albrecht Bürkle, Jerusalem, 04.02.1962 (Durchschlag), NLI, Moshe Ya’aqov Ben Gavriel Archiv, ARC. Ms. Var. 365 4 122; Buchcover M. Y. Ben-Gavriêl, Der Mann im Stadttor (1960), Die sieben Einfälle der Thamar Dor (1962), Die Flucht nach Tarschisch (1963), Kamele trinken auch aus trüben Brunnen (1965). Mit freundlicher Genehmigung des Hoffmann und Campe Verlags.

Schreiben von M. Y. Ben-Gavriêl an Albrecht Bürkle, Jerusalem, 04.02.1962 (Durchschlag), NLI, Moshe Ya’aqov Ben Gavriel Archiv, ARC. Ms. Var. 365 4 122.
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Buchcover M. Y. Ben-Gavriêl, Der Mann im Stadttor (1960), Die sieben Einfälle der Thamar Dor (1962), Die Flucht nach Tarschisch (1963), Kamele trinken auch aus trüben Brunnen (1965). Mit freundlicher Genehmigung des Hoffmann und Campe Verlags.

Ernst Simon kommt nicht nach Hamburg I

Foto der Talmud-Tora-Realschule, IGdJ-Bildarchiv, BAU00357. Foto der Talmud-Tora-Realschule, IGdJ-Bildarchiv, BAU00357.

Der Briefwechsel zwischen dem Direktor der Talmud-Tora-Schule in Hamburg Arthur Spier und dem Pädagogen und Religionsphilosophen Ernst Simon dokumentiert die Verhandlungen über eine mögliche Anstellung Simons als Lehrkraft in Hamburg. Die Talmud-Tora-Schule, die gerade zu einer Oberrealschule ausgebaut worden war, hatte großes Interesse, Simon zu gewinnen, eine erste Hürde ergab sich aber – wie Spiers Schreiben vom 17.12.1929 verdeutlicht – in der Frage des Wohnortes. Aus Sicht der Schulbehörde sei eine dauerhafte Ansiedelung in Hamburg erforderlich. Diese lehnte Simon, der sich 1928 für eine Emigration nach Palästina entschieden hatte, für sich ab: „[…] weil ich es nicht aufgegeben habe, mich in Palästina zu verwurzeln und weil mein letztes Ziel immer Erez Israel bleiben wird“. Dass er sich dennoch um eine Anstellung in Hamburg beworben hatte, unterstreicht die Schwierigkeiten, in Palästina beruflich Fuß zu fassen. Auch seine politische Haltung zugunsten eines jüdisch-arabischen Ausgleichs führt Simon in seinem Brief als Hinderungsgrund an. Im Februar 1930 hatte er dann aber eine Stelle an einer Realschule in Haifa gefunden und zog daraufhin seine Bewerbung in Hamburg zurück. Auch in Hamburg hatten sich die Umstände geändert, sodass Spier unter Verweis auf die von der Schulbehörde ermittelten Bedarfe ebenfalls eine Absage an Simon schickte – anscheinend ohne dessen Brief zu kennen.

Quellen: Brief von Arthur Spier an Ernst Simon, Hamburg, 17.12.1929, NLI, Akibah Ernst Simon Archiv, ARC. 4* 1751 01 939a; Brief von Ernst Simon an Arthur Spier (Durchschlag), Jerusalem, 26.12.1929, NLI, Akibah Ernst Simon Archiv, ARC. 4* 1751 01 939a; Brief von Ernst Simon an Arthur Spier (Durchschlag), Jerusalem, 13.02.1930, NLI, Akibah Ernst Simon Archiv, ARC. 4* 1751 01 939a; Brief von Arthur Spier an Ernst Simon, Hamburg, 17.02.1930, NLI, Akibah Ernst Simon Archiv, ARC. 4* 1751 01 479a.
Brief von Arthur Spier an Ernst Simon, Hamburg, 17.12.1929, NLI, Akibah Ernst Simon Archiv, ARC. 4* 1751 01 939a.
[Bildergalerie]
Brief von Ernst Simon an Arthur Spier (Durchschlag), Jerusalem, 26.12.1929, NLI, Akibah Ernst Simon Archiv, ARC. 4* 1751 01 939a.
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Brief von Ernst Simon an Arthur Spier (Durchschlag), Jerusalem, 13.02.1930, NLI, Akibah Ernst Simon Archiv, ARC. 4* 1751 01 939a. Brief von Arthur Spier an Ernst Simon, Hamburg, 17.02.1930, NLI, Akibah Ernst Simon Archiv, ARC. 4* 1751 01 479a.
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Ernst Simon kommt nicht nach Hamburg II

Nachdem Ernst Simon die Jüdische Gemeinde in Hamburg bereits zu Beginn der 1970er-Jahre für einen Vortrag über „Erziehung zum Frieden in Krisenzeiten“ besucht hatte, wurde wenige Jahre später in Telefongesprächen und Briefen ein passendes Thema für einen weiteren Vortragsabend diskutiert. Gemeinsam mit der Deutsch-Israelischen Gesellschaft kündigte die Gemeinde schließlich für den 03.11.1976 den Vortrag „Martin Bubers lebendiges Erbe – eine kritische Bilanz“ an. Auch die Unterbringung in einem gehobenen Hamburger Hotel sowie die Möglichkeit koscherer Kost im jüdischen Altenheim waren bereits besprochen. Ein Trauerfall in Simons Familie verhinderte seine Reise nach Hamburg in letzter Minute. In seinem Beileidsschreiben fragte Gemeindevorstand Günter Singer umgehend nach einem Nachholtermin und signalisierte so noch einmal das große Interesse der in den 1970er-Jahren etwa 1.500 Mitglieder zählenden Gemeinde an einer aktiven Kulturarbeit, die sowohl nach innen zur eigenen Selbstvergewisserung als auch nach außen in die Umgebungsgesellschaft wirken und für mehr Sichtbarkeit wirken sollte.

Quellen: Brief von Günter Singer an Ernst Simon, Hamburg, 02.09.1976, NLI, Akibah Ernst Simon Archiv, ARC. 4* 1751 01 479; Brief von Günter Singer an Ernst Simon, Hamburg, 30.08.1976, NLI, Akibah Ernst Simon Archiv, ARC. 4* 1751 01 479; Brief von Günter Singer an Ernst Simon, Hamburg, 24.11.1976, NLI, Akibah Ernst Simon Archiv, ARC. 4* 1751 01 479.

Zusammenführen und weiter denken: Orte, Personen, Themen

Die in dieser Ausstellung gezeigten Quellen stehen nicht nur exemplarisch für einzelne Sammlungen und damit für das Leben und Wirken einzelner Persönlichkeiten, sie geben ebenso Einblicke in Migrationsbewegungen zwischen Hamburg und Jerusalem sowie darüber hinaus, in wissenschaftliche wie persönliche Netzwerke und zeitgenössische Themen und Diskussionen. Das letzte Kapitel möchte auf solche übergeordneten Aspekte und Querverbindungen zwischen den Quellen hinweisen und so im besten Fall zum Weiterdenken, Weitersuchen und Weiterforschen anregen. Viele der digitalisierten Bestände sind direkt über den Online-Katalog der Israelischen Nationalbibliothek abrufbar. Seit März 2025 sind auch diejenigen Digitalisate mit eingeschränktem Zugriff, deren Einsichtnahme bislang die Anwesenheit in Jerusalem voraussetzte, zum Zwecke der Forschung und Lehre von Hamburg und jedem anderen Ort aus auf Antrag per Remote Access zugänglich.

Orte

Wenig überraschend bei einer Ausstellung über Beziehungen zwischen Hamburg und Jerusalem sind es auch diese beiden Orte, die durch und in den Quellen am meisten dokumentiert sind, wobei Hamburg in vielen Fällen der Absendeort und Jerusalem der Zielort ist. Insgesamt tauchen in den Quellen 16 verschiedene Orte auf, die von Lausanne bis Los Angeles, von Wien bis London und von Budapest bis Berlin reichen. Dieser größere geografische Radius hat mehrere Gründe. Zum einen handelt es sich oftmals um transnationale Netzwerke zwischen Personen in mehr als zwei Städten oder Ländern, zum anderen schrieben Personen von unterschiedlichen Orten, entweder aufgrund von Reisen, Migration oder Flucht. Wie sich die Bedeutung der Orte über den Betrachtungszeitraum verschob oder welche Beziehungen die Personen zu den jeweiligen Orten hatten, lässt sich an der Visualisierung nicht direkt ablesen und ist in dem ausgewählten Material nur angedeutet. Eine umfassendere Untersuchung der Bestände mit Fokus auf die räumlichen Relationen könnte weitere interessante und unerwartete Zusammenhänge aufzeigen.

Die Karte zeigt die Absende- und Entstehungsorte ebenso wie die in den Anschriften genannten Orte. (Karte erstellt mit Leaflet © OpenStreetMap contributors)

Personen

Die in der Ausstellung enthaltenen Korrespondenzen fanden zwischen insgesamt knapp 30 Personen statt. Manche Korrespondenzpartner treten häufiger in Erscheinung als andere, da sie von unterschiedlichen Seiten kontaktiert wurden (so etwa Gershom Scholem, Erich Lüth oder Martin Buber), weil sie als Schreibende eine Reihe von Personen kontaktierten (Max Grunwald) oder zu einem bestimmten Anliegen mehrfach korrespondierten (Ernst Simon). Die meisten der hier korrespondierenden Personen waren Männer, lediglich fünf Frauen, nämlich Dora Hirsch, Paula Buber, Rahel Estermann, Eva Strauss und in einem Zitat Else Escha Bergmann (Scholem), tauchen als Schreibende auf. Ihre Briefe und Karten sind bis auf eine Ausnahme in den Nachlässen der Ehemänner oder Korrespondenzpartner überliefert.

Ein ähnliches Ungleichgewicht findet sich, wenn man den Blick von den direkt miteinander in Kontakt tretenden Personen ausweitet auf diejenigen, über die geschrieben wird bzw. die in den hier abgebildeten Briefen und Publikationen Erwähnung finden. Die etwa 150 Namen deuten umfangreiche (männliche) Netzwerke innerhalb einer Gruppe von deutsch-jüdischen Intellektuellen an, die ihren lokalen Knotenpunkt mit Martin Buber, Gershom Scholem und Hugo Bergmann in Jerusalem hatte und die an ihrer eigenen Historisierung beteiligt war, indem sie mitbestimmte, was archiviert und wie es verzeichnet wurde.

Quelle: Visualisierung der Korrespondenzpartnerinnen und -partner, erstellt mit Gephi Lite, https://gephi.org/lite/, © IGdJ 2025.

Themen

Wiederkehrende Motive und thematische Cluster werden oft erst am Ende der kuratorischen Prozesse sichtbar und offenbaren übergeordnete und verbindende Perspektiven, die in der ursprünglichen Fragestellung nicht explizit angelegt waren, sodass wiederum neue Fragen entstehen. So fällt auf, dass erstaunlich viele der in der Ausstellung gezeigten Korrespondenzen Neujahrsgrüße enthalten – ohne dass dies ein Suchkriterium gewesen wäre. Möglicherweise eignet sich aber gerade die soziale Konvention des Neujahrsgrußes dafür, andere Anliegen ‚nebenher‘ anzusprechen oder schlicht aktive Netzwerkpflege zu betreiben und sich zu Beginn des neuen Jahres in Erinnerung zu bringen. Darüber hinaus lassen sich mindestens drei größere Themenbereiche in den Quellen ausmachen: 1. wissenschaftliche oder berufliche Anliegen, 2. persönliche Briefe und Dokumente, sowie 3. Aspekte von Würdigung und öffentlichem Gedenken. Bei letzterem spielen insbesondere Martin Buber und Heinrich Heine als wiederkehrende Bezugsgrößen eine besondere Rolle.

Oftmals überlagern sich die verschiedenen Bereiche und berufliche und private Netzwerke gehen ineinander über. Während der Aspekt des Gedenkens vor allem nach 1945 relevant wird, spielen wissenschaftliche, berufliche und private Netzwerke vor 1933 und nach 1945 eine Rolle. Deuten die Quellen vor 1933 eher umfassende Netzwerke an, spiegeln die Quellen nach 1945 mitunter den Versuch, durch das Schreiben erst wieder Kontakt(e) herzustellen. Welche Kontakte nicht mehr aufgenommen werden konnten, lässt sich durch Abwesenheit von Namen und Quellen in den überlieferten Materialien nur erahnen. Die hier präsentierten Quellen und die durch sie dokumentierte Kontinuität sind somit kein repräsentatives Panorama, sondern vielmehr die Kontur dessen, was unwiederbringlich zerstört und verloren war.

Quelle: Vorderseite mit Paul Klees „Der goldene Fisch“ (1925) einer Postkarte von Heinz Moshe Graupe an Shmuel Hugo Bergmann, 03.09.1974, NLI, Shmuel Hugo Bergmann Archiv, ARC. 4* 1502 01 991.