Die Karikatur zeigt Wilhelm Marr in der Gestalt des Teufels, worauf sowohl die Unterschrift „Teufel, Du läßt ja Deine Maske fallen!“ wie auch der Bocksfuß hinweisen. Möglicherweise ist dies auch eine Anspielung auf Marrs Herausgeberschaft der Zeitschrift „Mephistopheles“. Zugleich stellt die Figur aber auch einen Narren dar, was mit dem typischen Narrenkragen, dem spitzen Schuh und dem Barrett mit der Feder angedeutet wird. Auf Marrs publizistische Tätigkeit weist die zwischen den Beinen klemmende Schreibfeder hin. Auf dem Schwanz des Teufels sind die Worte „Sclavenfrage“ und „Judenfrage“ zu lesen, wobei ersteres deutlich größer geschrieben ist. Damit spielt die Darstellung sowohl auf Marrs gegen die seines Erachtens zu geringe Assimilationsbereitschaft der Juden gerichteten Brief als auch auf eine frühere Publikation zum Sklavenhandel in Costa Rica sowie auf einen in der Zeitschrift „Freischütz“ zuvor veröffentlichten Artikel „Zum Verständnis der Ereignisse in Nord Amerika“ an, in dem Marr kurz nach Ausbruch des Amerikanischen Bürgerkrieges Bemerkungen über die Afroamerikaner in den USA gemacht hatte, die als rassistisch und als Befürwortung der Sklaverei aufgefasst worden waren. Der Schwerpunkt der Darstellung liegt aber auf der Selbstdemaskierung der Figur, die eine Maske, ein totenmaskenähnliches Porträt Marrs, an einem Band in ein von einem Juden und einem Schwarzen ausgehobenes Grab gleiten lässt, wobei auf dem Grabkreuz die Initialen WM und der Schriftzug „Hier ruht“ zu sehen sind. Auf der Stirn der Maske ist zudem die Aufschrift „Demokratie“ zu lesen.
Stettenheim kritisiert
damit vor allem den Demokraten
Marr, der nun nicht
nur bei seinen politischen Gegnern, sondern auch bei seinen eigenen
Parteigängern wegen seines Rassismus, weniger wegen seiner Judenfeindlichkeit
seinen Kredit als demokratischer Politiker in der Hamburger Bürgerschaft
verspielt habe. Dass Stettenheim selbst und die Hamburger Juden den
Brief und den „Judenspiegel“ nicht allzu ernst
nahmen oder gar als explizit judenfeindlich ansahen, zeigen sowohl die
Überschrift über der Karikatur „Es ist zwar kein Unglück, aber – Pech“ wie auch
die letzte Strophe des Gedichts „Toller Spuk im Sommernachtstraum“: „Allein ich
sprach’s, es war nun mal heraus / Ich sprach’s, ich schrieb’s und ließ es
drucken / und was geschah … Man lachte laut mich aus / und Andere schrien: De
Kerl is doch meschuggen.“ Die Schriften Marrs werden als
„lächerliche Posse!“ abgetan.
Mit dem Begriff und der Figur des „Judenfressers“, die später Eingang in die bildliche satirische Kritik an führenden Antisemiten wie Richard Wagner, Edouard Drumont oder Karl Lueger fand, aber auch in einigen inhaltlichen Aspekten schließt Stettenheim seinerseits an ein historisches Vorbild an. Bereits während der Revolution von 1848 hatte Leopold Schön in Wien die Flugschrift „Franz Schmidt, der Judenfresser“ veröffentlicht. Diese war gegen einen Franz Schmidt gerichtet, der 1848 das judenfeindliche Flugblatt „Bittschrift der Christensclaven an die Herren Juden um Christen-Emanzipation“ verfasst hatte. Abgebildet ist dort ein Mann, aus dessen weit aufgerissenem Mund ein halber Mann herausragt und der mit seinen Händen bereits nach weiteren, vermutlich jüdischen Männern greift. Stettenheim knüpfte in seiner Karikatur an das bereits 1848 verwendete Narrenmotiv an, da Leopold Schön auf die rhetorische Frage „Wer verdient ins Narrenhaus gesteckt zu werden?“ Zur Antwort gibt: „Franz Schmidt“. Im Gedicht „Toller Spuk im Sommernachtstraum“ greift Stettenheim zudem die bereits in der Flugschrift von Franz Schmidt behauptete und während der Revolution von 1848 häufig angeprangerte Verkehrung der Herrschaftsverhältnisse von Christen und Juden auf: „Der Jude führte eisern die Gewalt / Es war der Christ gedrückt in allen Ländern“ (1. Strophe, Verszeilen 7 und 8). Das gesamte Gedicht bedient sich dieses Mittels des Rollentausches, um so den Christen einen Spiegel vorzuhalten. Der jüdische Träumer, der sich in einem als alptraumartig und spukhaft erlebten Traum selbst analog zu Marrs politischer Position als „Demokrat im jüd’schen Parlament“ bezeichnet, träumt von einer Situation, in der die Juden nach Manier der Christen eine drückende Herrschaft über Letztere ausüben, die sich nun als eine gedemütigte Gruppe wiederfinden. Die Christen werden genau mit den Einschränkungen („Vom Staatsdienst stieß man sie zurück zum Schacher Gewinnssucht; abwertend: Handel, Erwerb“) und mit denselben Vorwürfen, etwa einen „kleinen Christenstaat im Staat“ zu bilden, konfrontiert, die Marr in seiner Schrift „Der Judenspiegel“ gegen die Juden erhoben hatte. Die Gleichberechtigung könnten die Christen nur durch die völlige Anpassung an das Judentum, nämlich durch eine Beschneidung gewinnen, womit Stettenheim auf Marrs Aufforderung an die Juden anspielt, sie sollten ihre „zu spezifisch national-jüdisch angelegte“ Religion aufgeben und sich taufen lassen.
Der Träumer führt dann in den Strophen vier und fünf eine Reihe von in der Geschichte bis in die unmittelbare Gegenwart seitens der Christen begangenen Untaten auf, etwa den Sklavenhandel, die Ketzerverbrennungen in Spanien, die Bartholomäusnacht, die aufgrund einer Ritualmordbeschuldigung Ritualmord: Mit diesem Vorwurf werden Juden oder andere Minderheiten beschuldigt, für rituelle Zwecke christliches Blut zu benötigen und für dieses Blut Morde zu begehen. in Damaskus 1840 gefolterten und schließlich hingerichteten Juden und so weiter, um die bestehenden Schranken zwischen Juden und Christen zu rechtfertigen, die nur durch die Aufgabe des eigenen Staates und durch die Beschneidung überwunden werden könnten.
Das Gedicht vollzieht in den Strophen sechs und sieben jedoch eine
überraschende Kehrtwende, da sich nun der Träumer eingestehen muss, dass auch
die eigene Gruppe in historisches Unrecht verstrickt war, dass man heute die
Enkel für die Sünden der Väter quälte – auch dies wieder eine Anspielung auf die
unter Judenfeinden übliche Argumentation, den zeitgenössischen Juden die
„Untaten“ ihrer Vorväter anzulasten. Mit dieser Selbstkritik wirft Stettenheim
Marr implizit vor,
seine Publikation des „Judenspiegel“
sei unüberlegt geschehen, doch dieser sei nun einmal in der Welt. Der Träumer
bezichtigt sich, denselben Fehler begangen zu haben, wofür man ihn als „meschugge verrückt“ ausgelacht habe, was ihn erwachend dazu
motiviert, die an ihm nun geübte Kritik in Form einer Satire („die beißenden
Geschosse“) auf denjenigen zurückzulenken, nämlich auf Marr, der das, was der
Träumer nur geträumt hat, in Wirklichkeit getan hatte.
Dass man diese Satire und auch eine Schrift wie den „Judenspiegel“ („lächerliche Posse“), in dem ein sehr kritischer Blick auf die Bereitschaft der Juden zur Assimilation an die christlich-deutsche Gesellschaft geworfen wurde, nicht allzu ernst nahm, lag auch daran, dass sie dem liberalen Zeitgeist widersprach, der der Forderung nach einer völligen rechtlichen Gleichstellung der Juden positiv gegenüberstand. Im Gegenteil zeigt die heftige Reaktion gegen Marr seitens seiner demokratischen Parteifreunde, dass seine Position damals als politisch inakzeptabel galt. Eine direkte Reaktion Marrs auf den „Judenfresser“ ist nicht überliefert. Diese Satire und die Kritik an seiner Publikation des „Judenspiegels“ führten zusammen allerdings dazu, dass Marr die Einleitung zu dessen fünften Auflage wegen der „gassenbubenhaften Art und Weise, wie die tonangebende Mehrzahl der Hamburger Juden nicht gegen meine Schrift, sondern gegen meine Person aufgetreten ist“, änderte, indem er statt des „versöhnenden Schlusses“ der früheren Einleitung eine Antikritik gegen falsche Beurteilungen seiner Arbeit hinzufügte.
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Werner Bergmann (Thema: Judenfeinschaft und Verfolgung), Prof. Dr., ist Professor am Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind Soziologie und Geschichte des Antisemitismus und angrenzende Gebiete wie Rassismus und Rechtsextremismus.
Werner Bergmann, „Der Judenfresser“. Eine Antwort auf Wilhelm Marr, in: Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte, 22.09.2016. <https://dx.doi.org/10.23691/jgo:article-126.de.v1> [21.12.2024].